Freitag, 25. Mai 2012

Filmstadt Prag

Letzte Woche habe ich Prag besucht und das zum Anlass genommen, einige Filmlocations, vor allem von Casino Royale, zu besuchen. Bereits vor der Wende (hier Samtene Revolution genannt) wurden hier internationale Produktionen gedreht, wie Amadeus oder Yentl. Aber vor allem seit Brian De Palmas Mission: Impossible 1996 sind in Prag immer wieder internationale Filmteams zu Gast, was vor allem den preiswerten Barrandov Filmstudios zu verdanken ist. Einige Hinterlassenschaften kann man neben original mittelalterlichen Schaustücken im Pulverturm besichtigen, darunter Gegenstände und Waffen aus Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, Luther, Der König von Narnia oder Heath Ledgers Rüstung aus Ritter aus Leidenschaft. Obwohl Prag eine der schönste Städte Europas ist, doubelt es dabei oft andere Städte, wie beispielsweise London, Wien, Zürich, Moskau und sogar Miami.

Bond erledigt in Prag in Casino Royale (2006) seinen zweiten Tötungsauftrag, der ihn in den Doppelnullstatus befördert. Gedreht wurde im Danube House an der Moldau im nördlichen Prag, einem sehr modernen, nach energiesparenden Aspekten errichteten Bürokomplex, der im Film ungemütlicher wirkt als in der Realität. MI6-Verräter Dryden hat hier sein Büro in der sechsten Etage.

Die an ein Schiff erinnernde Fassade wurde vom Chilehaus in Hamburg inspiriert.

Der Establishing Shot des Films wurde vom gegenüber liegenden Nile House aufgenommen. Leider kann man als nicht angemeldeter Besucher mittlerweile nicht mehr mit dem Fahrstuhl in die oberen Etagen fahren. Vielleicht hat sich die Firma in der sechsten Etage über die hin und wieder auftauchenden Nerds beschwert, die dort Fahrstuhl und Treppenhaus fotografieren. Vielleicht war aber auch Dryden nicht der einzige Dunkelmann, der dort sein Büro hat. ;-)

Links eine Einstellung aus dem Teaser-Trailer, die aus dem fertigen Film geschnitten wurde.

In der unmittelbaren Nachbarschaft des Danube House befindet sich das Ministerium für Transport (vorn), das im Film allerdings ein Gebäude fast auf der anderen Seite der Welt im sonnigen Miami darstellt. Während ersteres mit Schnee und dampfenden Gullys in eisige Kälte gehüllt wurde, hat man das Ministerium mit Palmen und amerikanischen Taxis versehen. (Für die darin arbeitenden Beamten war das Vorfahren von James Bond im Taxi sicher ein unvergessliches Abenteuer :-)

Im Film beherbergt das Ministerium die Körperwelten-Ausstellung, der Bond einen Körperspender beschert. Entsprechende Innenaufnahmen wurden allerdings wiederum in den Innenräumen des Vitkov-Monuments gedreht. Zur Zeit gastiert Körperwelten auch wieder in Prag, diesmal aber in einem Ausstellungsgelände im Norden Prags.

Ein weiter Drehort ist das Kloster Strahov in der Nähe der Prager Burg. Der Philosophische Saal der Bibliothek stellt in einer kurzen Szene die Innenräume des House of Commons in London dar, die M mit ihrem Assistenten Villiers wütend durchschreitet. Ms Worte "Christ, I miss the Cold War!" sind hier also nicht ganz fehl am Platz.




Leider kann man den Saal als Besucher nicht betreten. Der Philosophische Saal und auch der benachbarte Theologische Saal sind vor allem durch Gemälde und Stuckverzierungen an der Decke sehr sehenswert, die im Film allerdings außerhalb des Bildausschnitts gehalten wurden.


Schließlich wurden neben dem Ruzyne Airport noch im Foyer des Nationalmuseums am oberen Ende des Wenzelsplatz gedreht, wo die Lobby eines Hotels in Venedig entstand. Dort wird aber leider noch bis 2016 renoviert, und man kann das Gebäude nur für Konzerte betreten.

In Mission: Impossible von 1996 diente das Foyer als Setting für einen Empfang der US-Botschaft in Prag am Anfang des Films. Hunt und sein Team beschatten hier den vermeintlichen Verräter Golitsyn.


Das Palais Liechtenstein auf der Kampa-Halbinsel direkt an der Karlsbrücke diente für Außenaufnahmen der Botschaft. Es wird in der Realität sogar tatsächlich für Staatsempfänge genutzt. Am Seitenausgang beobachten Tom Cruise und Kristin Scott Thomas Golitsyn.

Brian De Palmas Film wurde seinerzeit für vieles kritisiert. Jim Phelps´ Seitenwechsel, Gegenverkehr im TGV, style over substance, etc. pp. Vieles stimmt sicherlich, allerdings finde ich gerade den leicht übertriebenen visuellen Stil immer wieder genial. Auch wie De Palma Prag fotografiert, ist äußerst gelungen, irgendwo zwischen kafkaesk und kommunistisch, mit vollem Einsatz aller Nebelmaschinen.

Wenn man vom Seitenausgang des Palais ein Stück die Moldau entlang geht, findet man das Tor, an welchem dann Agentin Sarah und Golitsyn erstochen werden, und über das Hunt dann klettert, um vor der Polizei zu flüchten (rechts). Ebenfalls in der Nähe befindet sich die Treppe zur Karlsbrücke, von der Phelps stürzt. Hunt beobachtet das von der Treppe aus, und sieht schließlich von dort ein Auto auf dem Kampa-Platz explodieren (links).












Das Restaurant Akvarium, dessen Wassermassen sich auf den Altstädter Ring ergießen, existiert leider nicht wirklich, sondern wurde im Studio nachgebaut. Allerdings wäre es wohl eine clevere Geschäftsidee gewesen, ein solches Restaurant nach dem Film wirklich zu bauen.

Auch der neuste Teil der Mission:Impossible-Reihe wurde in Prag gedreht. Tom Cruise und Jeremy Renner stürzen im Auto von der Mané-Brücke, nahe der Karlsbrücke, und werden von Gangstern beschossen. Der Schauplatz im Film ist allerdings Moskau. Und der Innenhof der Prager Burg durfte den Kreml doubeln. Neben Ethan Hunt und James Bond kämpfte sich auch Jason Bourne durch Prag, das in Die Bourne Identität aber wiederum Zürich darstellen soll (was schon etwas seltsam ist, da Zürich an einem See und nicht an einem Fluss liegt, den man im Hintergrund sieht). Geht man vom Kampa-Platz etwas weiter zum benachbarten Park findet man dort Bänke, und auf einer von diesen nächtigte Bourne bevor er zwei Schweizer Polizisten zusammenschlug, die ihn weckten.

Interessanterweise werden die wenigsten Filme, die in Prag gedreht wurden, der Stadt wirklich gerecht, am ehesten vielleicht noch Mission: Impossible. Aber seit 1996 ist sehr viel von dem grauen "Ost-Charme" verschwunden, und die meisten der teilweise wunderschönen Jugendstil-Fassaden wurden renoviert. Prag hätte es mittlerweile wirklich verdient, ein offizieller Hauptschauplatz in einem Bondfilm und einfach mal es selbst zu sein.

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