Freitag, 29. Juni 2012

Der Grimm der Schwestern

Snow White and the Huntsman
USA 2012
Regie: Rupert Sanders
Darsteller: Charlize Theron, Kristen Stewart, Chris Hemsworth, Bob Hoskins

In schöner Regelmäßigkeit haben in der Filmwelt zwei oder mehrere Kreative fast zur selben Zeit fast dieselbe Idee. So kommt es dann, dass zwei oder mehr Filme zum gleichen Thema miteinander konkurrieren müssen (z.B. 1492 - Conquest of Paradise und Christopher Columbus, Red Planet und Mission to Mars, Dante´s Peak und Vulcano, Tombstone und Wyatt Earp, The Illusionist und The PrestigeArmageddon und Deep Impact - während der Produktionsphase von letzteren hatte auch Roland Emmerich zufällig die Idee von Astronauten, die einen Meteoriten zerstören müssen...)

Dieses Jahr ist Schneewittchen-Zeit: Neben Snow White startete auch Tarsem Singhs Spieglein, Spieglein mit Julia Roberts als nur noch zweitklassige Pretty Woman, mal abgesehen vom Low-Budget-Trittbrettfahrer Grimm´s Snow White. Über die Auslöser solcher Ideen-Kumulationen könnte man wohl eine eigene filmwissenschaftliche Abhandlung schreiben. Das originale Märchen wurde bisher schon vielfach interpretiert, von süßer Zwergenromantik à la Disney über Comedian-Vehikel wie 7 Zwerge. Der ernsthaft-düstere Ansatz von Snow White and the Huntsman mit Anleihen bei Vampir- und anderen Mythen ist mal etwas erfrischend anderes. Die Grundthematik des Märchens - wahre Schönheit, Jugendwahn, Vergänglichkeit - ist in Zeiten von Botox, Facelifting und Stammzellentherapie wohl auch aktueller denn je.

Snow White ist das Spielfilm-Debüt des Werbefilmers Rupert Sanders. (Im Vergleich zur deutschen Filmlandschaft ist es schon erstaunlich, welche Chancen jungen Regisseuren in Hollywood geboten werden.) Der Film bietet auf jeden Fall kurzweilige Unterhaltung und solide Schauwerte. Vor allem die Kreaturen des dunklen Waldes sind sehr einfallsreich und handwerklich überzeugend umgesetzt. Hier fühlt man sich zum Teil an Herr der Ringe und Avatar erinnert. Auch die typischen Märchenklischees werden geschickt umschifft. Die sonst so knuffigen Zwerge sind hier beispielsweise rauhe und fluchende Kerle. Schön auch, Bob Hoskins mal wieder zu sehen, hier in der Rolle des Oberzwergs.

Heimliche Hauptdarstellerin ist die Oscar-Preisträgerin Charlize Theron als Königin Ravenna, die hier auch ohne entstellendes Make-up als Monster überzeugt. Kristen Stewart variiert mehr oder weniger nur einen Gesichtsausdruck, und macht als Charakter leider auch keine größere Entwicklung durch. Sie ist bereits am Anfang tough und kann allein aus ihrem Verließ entkommen, und am Ende ist sie noch tougher und führt in Jeanne-d´Arc-Manier den Angriff auf das Schloss der bösen Königin an. Dass moderne Märchenverfilmungen die weiblichen Charaktere aktiver und offensiver anlegen, ist an sich gut und notwendig, aber mittlerweile nimmt es auch seltsame Züge an, wenn die männlichen im Gegenzug zu Schwächlingen degradiert werden.

Chris Hemsworth´s "Huntsman" verdient kaum die Bezeichnung männlicher Protagonist. Ein trinkender, nicht sonderlich heller Trauerkloß, den Schneewittchen öfter retten muss als umgedreht. Am Ende bewundert er ihre Rüstung und reitet ein paar Meter hinter ihr her. Kein Wunder, dass Johnnie Depp, Viggo Mortensen und Hugh Jackman die Rolle ablehnten. Und auch die restlichen männlichen Figuren sind eher schwache, teilweise hinterlistige Pappenheimer, mal abgesehen von den buchstäblichen Zwergen. In anderen Märchenfilmen herrscht ein ähnlicher Trend. In Disneys Verwünscht beispielsweise muss die Prinzessin im Finale ihr hilflos zappelndes männliches Love Interest aus den Klauen der bösen Königin befreien. Was irgendwann mal als erfrischende Umkehrung bestehender Klischees begann, wird offenbar zum neuen Standard. Über die pädagogische Wirkung kann man sicherlich besorgt sein.

Etwas befremdlich mutet auch an, dass im Film die Protoganisten analog zum unübersetzten Filmtitel mit "Snow White" und "Huntsman" angesprochen werden, anstelle dem wohl etwas uncoolen Schneewittchen und Jäger - uncool in ersterem Falle wahrscheinlich vor allem durch den verniedlichenden Diminutiv. Etwas peinlich ist diese Entscheidung des deutschen Verleihers/Synchronstudios aber vor allem, wenn man an die Verdienste von Jakob und Wilhelm Grimm um die deutsche Sprache denkt.

Abgesehen von diesen beiden Kritikpunkten, die dem breiten Publikum sicher nicht negativ auffallen werden, bietet der Film spannende und handwerklich gut umgesetzte Unterhaltung sowie eine schön böse Charlize Theron, und ist insofern durchaus sehenswert.

Kommentare:

  1. Auf der Seite "cinestatic.de" schrieb dieser Tage
    Ronny Dombrowski zum neuen Pixar-Film "Merida - Legende der Highlands" so schön:
    "... Erst im letzten Jahr haben wir in “Die Tribute von Panem” zum ersten Mal eine richtige Powerfrau als Hauptdarstellerin bewundern dürfen und das nun langsam die Zeit für weibliche Helden herangebrochen ist, hat selbst Pixar erkannt. Mit Merida führen sie nun ihre erste weibliche Heldin ein die sich ihrer Haut nicht nur erwehren kann, sondern auch komplett eigene Vorstellungen davon hat, wie ihre mögliche Zukunft einmal aussehen wird."

    Das Thema "Frauenpower" scheint auf der Leinwand jetzt mal wieder eine kurzfristige Renaissance erleben zu dürfen.
    Die oft angefügten männlichen 'Begleiterscheinungen' waren in der Hinsicht auch schon in der Vergangenheit eher bedauernswerte Hansel, wie dies die Zuschauer etwa schon mit Schauspielern wie Daniel Craig und Gerard Butler als Love-interest von Lara Croft erleben mussten. Es scheint wohl das Schicksal im Geschlechtertausch zu sein, dass typisch männliche Heldenstrukturen, welche einer filmischen Frauenrolle aufoktroyiert werden im Auge des Betrachters widersprüchlich erscheinen, da der männliche Zusatzpart automatisch an Heldenattraktivität verliert und dies der klassischen Wahrnehmung heftig widerspricht. Es ist halt ein bisschen so wie wenn der US amerikanische Zuschauer sich mit der Rolle von Felix Leiter identifizieren würde und sich fragt wieso eigentliche dieser Brite namens Bond der große Weltenretter ist, wo dies doch gar nicht so dem realen Weltbild gerecht wird.

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    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Danke für den Kommentar! In "Merida" scheint das tatsächlich auch wieder sehr ausgeprägt zu sein. Ein guter Freund hat ihn die Tage schon als Preview gesehen.

    Ich hab ja absolut nichts gegen starke weibliche Hauptcharaktere, ich finde es nur etwas bedenklich, wenn so ein verzerrtes Rollenbild zunehmend in Kinderfilmen unterschwellig angepriesen wird. In Camerons Terminatorfilmen gibt es beispielsweise mit Sarah Connor auch eine starke Frau, die eine Entwicklung durchmacht und wehrhaft ist, aber an deren Seite die männlichen Charaktere trotzdem nicht an Attraktivität und Charakter verlieren. Bei Bond ist es ja ähnlich. Major Anya Amasova war trotz ihres Agentenstatus ein sehr guter und funktionierender Charakter, und hat im Gegensatz zu Jinx beispielsweise mit ihrer "Bondgleichheit" nicht genervt. Ich hoffe ja, dass Eve in Skyfall in der Beziehung eher dezent ist...

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  3. Ich glaube das entscheidende Quäntchen Unterschied, welches beim männlichen Zuschauer für Akzeptanz oder Ablehnung bei einer Heldinnen-Rolle sorgt, ist wer wen im Kampf der Geschlechter rettet. Bei der von dir angesprochenen "Bond-Gleichheit" sind Heroinnen wie Tripple X oder Jinx durch das Drehbuch bedingt immer noch an irgendeiner Stelle im Film die "Dummen" die vom männlichen Superchauvi dann doch noch aus einer lebensbedrohenden Situation gerettet werden und ihre Dankbarkeit dann oft in Form einer 'sexuellen' Belohnung zeigen.
    Dreh diesen Part mal in einem Bond-Film um und mal dir dann mal die Reaktionen in a men world aus. Vielleicht erklärt sich dann eher warum ein Part wieder oben angesprochene "Huntsman" nicht unbedingt punkten kann.

    Selbst bei Sarah Connor, welche in Teil 2 der "Teminator-Reihe" zum "tough girl" mutiert, gibt es eine Szene, in der ihr Sohn sie symbolisch rettet, in dem er versucht, sie an der Ermordung des Computerprogrammierers Miles Dyseon zu hindern und im Endeffekt dann die moralisch ethische Marschrichtung angibt.

    Interessant finde ich übrigens, dass bei vielen Heldinnen-Epen oft der Kampf gegen das eigene Geschlecht stattfindet.

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