Sonntag, 15. Juli 2012

Dial Q for Queries

Nachdem sich Barbara Broccoli in diversen Zeitungsinterviews bis vor kurzem noch zierte, Ben Wishaw als Neubesetzung des Waffenmeisters Q zu bestätigen, wirkte die entsprechende offizielle EON-Meldung am Donnerstag dann ein bisschen wie eine Pseudo-Sensation - die feierliche Bekanntgabe dessen, was jeder irgendwie schon wusste. Wenigstens wurde die Meldung mit dem ersten offiziellen Foto von Wishaw als Q garniert:



Die Neu-Interpretation des legendären Gadget-Tüftlers könnte zum Prüfstein für den mit Casino Royale eingeläuteten Reboot der Franchise werden. Vor allem bei den Kritiken zu Quantum of Solace war die Abwesenheit der Ikonen Q und Miss Moneypenny ein wesentlicher Stein des Anstoßes. Aber gerade jene Kritiker, die das Wegrationalisieren dieser traditionellen Zutaten bemängeln, sind oft auch diejenigen, die im nächsten Atemzug betonen, wie unersetzbar Desmond Llewelyn und Lois Maxwell in jenen Rollen seien. Klingt ein bisschen nach der Quadratur des Kreises, und ist es wohl letztendlich auch. "Gebt uns Q und Moneypenny zurück, aber bitte weder als Kopie der 'Originale' noch als zu radikale Neuinterpretation"...

Eine Forderung, die gerade im Bond-Franchise, das sich radikaler als jedes andere angepasst und erneuert hat, ziemlich absurd wirkt. Seit quasi 40 Jahren praktiziert man die ebenso erfolgreiche wie andauernde Emanzipation vom mantra-artig hergebeteten "einzig wahren Ur-Bond" Sean Connery. Da sollte die kreative Weiterführung von Q und Moneypenny jenseits von Llewelyn und Maxwell eigentlich eine der leichtesten Übungen sein.

Die größte Schwierigkeit für einen neuen Q stellt sicherlich das fast inflationäre Auftauchen Q-inspirierter Charaktere in der Film- und TV-Landschaft der letzten Jahre dar, die im Prinzip alle Schattierungen der entsprechenden Archetypen vom Magier zum Mentor durchgespielt haben. Vom zappelig-schüchternen Loser-Nerd à la Marshall Flinkman in ALIAS (den ich sehr mochte) über den wohl obligatorisch asiatischen Technikfreak à la Masi Oka in Get Smart oder Jay Chou in The Green Hornet bis zum väterlichen Freund und moralischen Mentor à la Morgan Freeman in Chris Nolans Breitreifen-Batman-Universum.

Selbst im Bond-Universum an sich wurden bereits verschiedene Q-Interpretationen durchgespielt. Der eigentliche Ur-Quartiermeister/Major Boothroyd Peter Burton in Doctor No war noch der anonyme, unscheinbare Beamte. Der unvergessene Desmond Llewelyn machte in 17 Bondfilmen und 36 Jahren eine sehr schöne und dezente Entwicklung vom genervten Entwickler hin zum zwar immer noch leicht schrulligen, aber letztlich doch erfahrenen und väterlichen Freund durch, und machte den Charakter damit zum Kult.

Im Konkurrenz-Bond Never Say Never Again von 1983 war Q - hier mit Vornamen Algernon - ein heimlicher Bond-Verbündeter, der im MI6-Keller sein unterschätztes Dasein fristet, während Edward Fox´ M den kopfschüttelnden "Grow up, 007!"-Part übernahm. (In gewisser Weise nahm Sag niemals nie damit die Entwicklung von Q zu Bonds unausgesprochenem Freund in der Dalton- und Brosnan-Ära vorweg)

Mit John Cleese fand man einen Nachfolger, der zwar auf der einen Seite wesentlich prominenter als Llewelyn selbst war, aber andererseits in zwei Filmen keine nachhaltig prägende und überzeugende Q-Interpretation etablieren konnte. In The World Is Not Enough funktionierte Cleese eigentlich noch gut als Counterpart zu Llewelyn, während er in Die Another Day nicht wirklich eigene Akzente setzen konnte - was sicher auch sehr an Lee Tamahoris unausgereifter Regie lag. Das ist schon sehr schade angesichts von John Cleese´ Karriere, zumal er im Remake von Der Tag, an dem die Erde stillstand durchaus als ernsthafter Wissenschaftler überzeugen konnte

Auch in Casino Royale und Quantum of Solace gab es bereits zwei MI6-Wissenschaftler zu sehen. Ich persönlich hätte diesen bierbäuchigen, schnurbärtigen Durchschnittstypen aus Casino als gelungenen Q empfunden, gerade weil er so unscheinbar wirkt und sich den gängigen Technogeek-Klischees entzieht.



Auf der diesjährigen ComicCon wurde der IMAX-Trailer zu SKYFALL gezeigt, mit einem Dialogfetzen zwischen Bond und Q, der das gespannte Verhältnis zwischen beiden anzudeuten scheint. Q sagt hier zu Bond, dass er an seinem Rechner zuhause im Pyjama mehr Menschen töten könne als Bond in einem Jahr seines altmodischen Dienstes an der Front. Wie Sam Mendes einem französischem Filmmagazin verriet, scheint der neue Q auch etwas morbider angelegt zu sein als seine Vorgänger: Wer ist Q - ein Erfinder von Gadgets, die eine immer gößere Bedeutung einnahmen, oder ein Mann, der neue Methoden ersinnt, Menschen umzubringen?

Ob der neue Q irgendwo in der echten MI6-Welt ein reales Vorbild hat, ähnlich wie die ehemalige MI5-Chefin und jetzige Schriftstellerin Stella Rimington  für Judi Denchs M, darüber kann man bisher nur spekulieren. Immerhin sorgt seit zwei Jahren der ebenso mysteriöse wie ungeklärte Tod des jungen MI6-Tüftlers Gareth Williams für Schlagzeilen. Um die Süddeutsche Zeitung zu zitieren:
Gareth Williams war ein brillanter Logiker. Er schloss sein Studium der Mathematik mit 17 ab, als 21-Jähriger war er Doktor der Computerwissenschaft. Zunächst schloss er sich GCHQ an, einer Regierungsbehörde, die sich vor allem mit Kryptographie beschäftigt. Zuletzt arbeitete er für den MI6, wo er sich mit "praktischen Anwendungen neuester Technologien" beschäftigte.

Was immer das heißt: Es klingt nach der Arbeit des Tüftlers Q aus den James-Bond-Filmen, der den Agenten stets mit neuestem Schnickschnack versorgt. Woran Williams ganz genau arbeitete, bleibt geheim.
Vielleicht ersann Gareth wie Q neue Methoden, Menschen umzubringen, und bezahlte seine düstere Obsession mit einem bizarren Tod: Gareth wurde eingezwängt in eine Sporttasche gefunden, ohne jede Spur von Fremdeinwirkung. Da kann man nur hoffen, dass uns Ben Wishaws tödlicher Tüftler etwas länger erhalten bleibt.

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