Montag, 11. März 2013

Bondfilme als 'Kino der Attraktionen'

Der Filmwissenschaftler Tom Gunning veröffentlichte 1986 ein berühmt gewordenes Essay, The Cinema of Attractions. Early Films, Its Spectator and the Avant-Garde, in dem er sich mit dem frühen Kino bis ca. 1907 beschäftigte. Bis dahin betrachtete man die ersten Filme unter dem Aspekt des späteren narrativen Kinos (lateinisch von narrare - erzählen) eher als primitive Vorform. Gunning stellt dem gegenüber das Konzept eines Kinos der Attraktion, das auf eigenständige Weise funktionierte.



Das Visuelle, das Zeigen an sich, war wichtiger als das Erzählen. Die gezeigten Spektakel sprachen den Zuschauer direkt an, zogen ihn im buchstäblichen Sinn von Attraktion an. Zauberkünstler verbeugten sich beispielsweise vor dem Publikum, Frauen zwinkerten von der Leinwand direkt dem Zuschauer zu. Auch das Vorführen an sich, die musikalische Untermalung und Effekte wie Nahaufnahme oder Zeitlupe wurden als Sensation wahrgenommen. In den meisten der frühen Filme gab es überhaupt keine Handlung. Als die Filme ab 1907 länger wurden und die Filmtechnik zum Alltag, setzte sich zunehmend eine im Vordergrund stehende Erzählung in einer fiktiven künstlichen Welt durch, wobei man sich am Theater orientierte. Die Kamera an sich wurde praktisch unsichtbar, der direkte Blick in die Kamera tabu.

Gunnings 'Kino der Attraktionen' wurde seit der Veröffentlichung zum Schlagwort und immer wieder auch auf das neuzeitliche Blockbusterkino1 angewandt, in dem sinnliche Attraktionen ebenfalls zum Teil stark der Handlung untergeordnet sind - oder durch neue Entwicklungen die Filmtechnik wieder in den Vordergrund rückte und zur Attraktion wurde - wie CGI, Bullet-Time-Effekte in THE MATRIX oder REALD (siehe dazu The Cinema of Attractions Reloaded)2

Laut einem populären Mythos, den Filmwissenschaftler allerdings anzweifeln, sollen die Zuschauer bei der Vorführung eines Films der Brüder Lumière 1895, der die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof zeigt, von ihren Stühlen aufgesprungen sein, und das, obwohl der Zug gar nicht direkt auf die Kamera zu fährt. Aber auch wenn die Zuschauer sitzen blieben, dürfte der Film großen Eindruck gemacht haben. Als 1977 George Lucas' STAR WARS EPISODE IV - A NEW HOPE in die Kinos kam, löste die erste Einstellung, die einfach nur das Vorüberfliegen einiger Raumschiffe, darunter ein riesiger imperialer Sternzerstörer, zeigt, ebenfalls einen enormen Eindruck aus. Dean Devlin, Mitautor von STARGATE und INDEPENDENCE DAY sagte beispielsweise dazu: „Als es dann vorübergeflogen war, flippte das Publikum aus. Ich flippte aus. Und ich wusste, was ich für den Rest meines Lebens tun wollte.“ Eine einzige Einstellung eines sich bewegenden Transportmittels als Attraktion für sich, noch fast ohne Handlung - das ist durchaus vergleichbar.

Ankunft eines Zuges und eines Sternzerstörers

Obwohl man also über Attraktionen genauso Emotionen erzeugen kann wie über die Narration, haben moderne Entsprechungen eines 'Kinos der Attraktionen' meist einem negativen Beigeschmack. Das narrative Kino gilt heute als Ideal, und filmische Attraktionen wie Actionszenen oder Spezialeffekte müssen möglichst logisch und flüssig in die Handlung eingefügt und durch sie legitimiert werden. Es herrscht im Prinzip das Diktat des Drehbuches, oder wie Billy Wilder es ausdrückte: "Für einen guten Film braucht man dreierlei: ein gutes Buch, ein gutes Buch und ein gutes Buch."

Dabei wird oft vergessen, dass der Film nicht wie andere Medien wie Malerei oder Theater direkt aus dem menschlichen Bedürfnis nach Ausdruck und Kommunikation entstand, sondern als reine Jahrmarktattraktion begann. Film ist gezwungenermaßen immer mindestens ebensoviel Kommerz und Technik wie Kunst. Und ich glaube, dass der Erfolg der Bondfilme auch zu einem nicht geringen Teil darauf beruht, dieses ursprüngliche Element der vordergründigen Attraktion nicht zu verleugnen, sondern bewusst zu nutzen. Das beste Beispiel dafür sind Filme wie YOU ONLY LIVE TWICE, DIAMONDS ARE FOREVER oder MOONRAKER , die für ihre oft dünnen und unplausiblen Handlungen gerügt werden. Aber auch in ernsthafteren Beiträgen des Franchise überwiegt das visuelle Spektakel. Es gibt beispielsweise rein erzählerisch und logisch absolut keinen Grund dafür, dass die sowjetische Chemiewaffenfabrik in GOLDENEYE mit den Versorgungsräumlichkeiten einer Talsperre verbunden ist. Es soll allein einen spektakulären Stunt ermöglichen.

Bondfilme sind praktisch der Beweis, dass man für einen guten Film eben nicht auschließlich ein gutes Buch, sprich eine gute Handlung braucht. Viele der Vortitelsequenzen haben beispielsweise gar nichts oder nur sehr wenig mit der eigentlichen Filmhandlung zu tun. Es sind kurze Teaser, die - wie die Filme des frühen Kinos - dem Publikum durch Spektakel visuelles Vergnügen bereiten sollen. Der berühmte Fallschirmsprung am Anfang von THE SPY WHO LOVED ME löste beispielsweise ähnlich wie die Star-Wars-Eröffnungsszene spontane Begeisterung und Beifall aus.

Interessant ist auch die Vorgehensweise bei den Bondfilmen, bei denen Sir Ken Adam für das Produktionsdesign verantwortlich war. Nachdem sich bei DR. NO gezeigt hatte, dass Adams Entwürfe eine für sich stehende Attraktion darstellen, wurden die Handlungen zunehmend um seine Kulissen herum gestrickt, was im Buch Macht(t)räume. Der Production Designer Ken Adam und die James-Bond-Filme beschrieben wird (siehe auch die Rezension des Buches hier). Es existierten nur sogenannte Planning Scripts. Adam sagt dazu: "Ohne die strenge Disziplin, einem Drehbuch zuarbeiten zu müssen, konnte ich zu träumen beginnen. Und irgendwer würde schon etwas schreiben, was zu diesem Traum passt." (Seite 25, ebenda)

Alexander Smoltczyk nennt die Leistung Adams sogar "die Emanzipation des Designs von der Story". Sprich die Emanzipation des Designs als Attraktion von der Narration. Ein Kino der Attraktionen, das sich der Narration nicht völlig unterwirft, kann also sogar künstlerisch befreiend wirken und Leistungen hervorbringen, die Filme, die sich allein an der narrativen Struktur eines "guten Buches" orientieren, nicht vermögen.

Interessanterweise spielen die Bondfilme sogar mit dem direkten Blick durch die unsichtbare "vierte Wand" auf das Publikum, der mit der Durchsetzung des narrativen Kinos zunehmend zum Tabu wurde, da er die Illusion einer in sich geschlossenen Filmwelt zerstört. James Chapman führte beispielsweise die berühmte Gunbarrel-Sequenz in seinem Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Films von 2000 auf eine berühmte Szene in Edwin Porters THE GREAT TRAIN ROBBERY aus dem Jahr 1903 zurück, in der ein von Justus Barnes verkörperter Räuber direkt auf den Zuschauer schießt. Normalerweise wird diese Szene heute am Ende des Films gezeigt, aber laut einer Information von Porter an die Filmvorführer konnte sie auch vor den Film geschnitten werden.


Der verführerische Blick oder das Zuzwinkern, das es im frühen Kino oft bei erotischen Szenen gab, findet sich in den Bondfilmen bis heute in der Titelanimation wieder. Aber auch der direkte Blick Bonds. Interessanterweise sieht auch Carole Bouquet in FOR YOUR EYES ONLY direkt auf den Zuschauer, nachdem ihre Eltern getötet wurden, weil mit dieser Einstellung ursprünglich in den Titel übergeleitet werden sollte.

Blick in die Kamera im Stummfilm und in Bondfilmen

Aber die Adressierung an den Zuschauer findet auch über den Humor im Film statt. Zum Beispiel, wenn George Lazenby in ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE "this never happened to the other fellow" in die Kamera sagt, oder Sean Connery dem Zuschauer am Ende von FROM RUSSIA WITH LOVE zuwinkt. Auch wenn Bond beim Liebesspiel mit Miss Taro in DR. NO auf die Uhr sieht, oder nach dem Tod eines Gegenspielers scheinbar zu sich selbst eine ironische Bemerkung macht, ist das eine augenzwinkernde Kommunikation mit dem Zuschauer. Diese Oneliner, die innerhalb der Filmhandlung und im Zusammenspiel mit den anderen Figuren oft albern oder deplaziert wirken, haben mit zum Erfolg des Bondcharakters beigetragen, da Bond sich quasi mit dem Zuschauer verbündet.3

Mit den Filmen von Daniel Craig als Bonddarsteller ist das Franchise nun stärker im Kino der Narration angekommen als je zuvor. Selbst die Gunbarrel-Sequenz als Relikt des Attraktionskino wurde in CASINO ROYALE in den Fluß der Erzählung eingebunden, der Zuschauer als Adressat quasi durch eine Person innerhalb der geschlossenen Filmwelt ersetzt. Das ist für ein 50jähriges Franchise eine sehr interessante und vielleicht notwendige Entwicklung. Im Zuge des Erfolgs der neuen Filme geht aber leider oft auch eine Bewertung der älteren Bondfilme unter dem strengen Blick des Narrationskinos einher, die den Wert von Filmen wie YOU ONLY LIVE TWICE, MOONRAKER und auch DIE ANOTHER DAY4 verkennt. Bondfilme leben nicht (nur) durch eine gute und spannende Geschichte, sondern vor allem durch eine visuelle Lust am Spektakel. Interessanterweise nimmt man als Kind eher den Attraktionsanteil eines Films wahr, was auch zum Erfolg von Filmen wie Bond oder Star Wars beiträgt. Mit einem rein "erwachsenen" und narrativ gefilterten Blick verliert das Bondfranchise einen Großteil seiner Faszination.

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1) Auch andere moderne Filmgenres weisen Gemeinsamkeiten mit dem frühen Kino der Attraktionen auf, wie beispielsweise Musicals, speziell Bollywood, oder Found-Footage.

2) Die Filmtechnik als Attraktion, wie etwa die modifizierte Zeitlupe aus THE MATRIX, funktioniert bei Bond dagegen weniger. Auffällige CGI-Kreationen oder der bewusst sichtbar gemachte Schnitt in DIE ANOTHER DAY oder QUANTUM OF SOLACE wurden eher negativ aufgenommen. Von daher kann man davon ausgehen, dass auch REALD weniger zu Bond passt, zumindest solange es sich nicht allgemein durchgesetzt hat.

3) Ich glaube, dass Timothy Dalton als Schauspieler die meisten Probleme mit dieser augenzwinkernden Kommunikation mit dem Zuschauer über das Filmuniversum hinaus hatte. Er versuchte eher, Empathie über die Narration auszulösen, was auch sein emotionales Spiel in LICENCE TO KILL erklärt. Aber ich denke, die Zuschauer empfanden das als zu großen Bruch ihrer Erwartungen.

4) DIE ANOTHER DAY begeht allerdings die Todsünde im Attraktionskino, da die Attraktionen zum Teil mangelhaft sind oder sich, siehe oben, auf technische Aspekte konzentrieren. Nichtsdestotrotz hat der Film auch viele gelungene Schauwerte und einen interessanten Subtext. Und er ist auch politisch nach elf Jahren noch hochaktuell, wenn man derzeitige Nachrichten aus Nordkorea betrachtet.

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