Dienstag, 26. März 2013

Leben und sterben lassen

Die neu übersetzten Fleming-Romane aus dem Cross-Cult-Verlag sind vergleichbar mit Blurays oder Directors-Cut-Versionen der Filme. Man kennt die Geschichten im Prinzip, entdeckt aber plötzlich neue Details und Nuancen, oder auch ganze Sequenzen, die sie in einem anderen Licht erscheinen lassen. Bei Leben und sterben lassen tritt dieser Effekt besonders hervor, da sowohl im Umfang als auch bei einzelnen Beschreibungen vieles bei den entsprechenden Ausgaben des Scherz-Verlags gekürzt wurde.



Leben und sterben lassen ist der zweite Bondroman von Ian Fleming. Eine direkte Fortsetzung vom Debüt Casino Royale, wie der Film QUANTUM OF SOLACE, ist er trotzdem nicht. Das ist in der Romanwelt so auch in Ordnung. In der 2006er Verfilmung von Casino Royale ist die Organisation hinter der Erpressung von Vesper noch völlig namen- und gesichtslos. Im Buch ist es dagegen SMERSH, eine Unterorganisation des sowjetischen KGB, die es so tatsächlich gegeben hat. (Eine Kurzwort für "Smiert Schpionam" - Tod den Spionen) Dazu musste man 1954 nicht mehr viel erklären - es war einfach klar, dass Bond danach einfach seinem Agentenjob innerhalb der Fronten des Kalten Krieges nachgehen würde. Ein Jagen der direkten Hintermänner war - wenn überhaupt - eh nur in diesem Rahmen möglich.

Vertreten ist SMERSH hier durch den Gangster Mr Big, den der MI6 in Verdacht hat, die sowjetische Spionage in den USA mit Hilfe eines Goldschatzes zu finanzieren. Dieser stammt aus den Beutezeugen des walisischen Piraten Henry 'Bloody' Morgan im 17. Jahrhundert. Da Mr Big von Harlem aus operiert, reist James Bond nach New York und nimmt zusammen mit seinem Freund und CIA-Kollegen Felix Leiter Tuchfühlung mit dem schwarzen Unterweltboss auf. Mr Big benutzt den Voodoo-Glauben der schwarzen Bevölkerung, um ein amerikaweites Spionage- und Schmuggelnetzwerk zu betreiben. Zusammen mit Mr Bigs Freundin Solitaire fährt Bond nach Florida, wo der Gangster The Robber einen als Tiergeschäft getarnten Umschlagplatz für den Schmuggel betreibt. Nachdem Solitaire wieder entführt und Leiter schwer verletzt wurde, fliegt Bond allein nach Jamaika und taucht zu einer Insel, die Morgan als Schatzversteck diente. Dort kommt es zum finalen Showdown zwischen Bond und Mr Big.

Wie bei Casino Royale benutzt Fleming hier einen Midpoint-Shift, einen großen Wendepunkt in der Mitte der Geschichte, der die Tonalität grundlegend ändert. In Casino war es der Sieg im Kartenduell gegen Le Chiffre, nach dem sich der Spielerthriller in eine Liebegeschichte verwandelt. In Leben und sterben lassen ist es dagegen ein Tiefpunkt, die Verstümmelung von Bonds Verbündeten Felix Leiter, der die lockere Buddie-Atmosphäre der ersten Hälfte abrupt beendet. Die Geschichte bewegt sich dabei von der quirligen und hochmodernen Atmosphäre der City that never sleeps über das beschauliche Saint Petersburg und Jamaika bis zum Versteck des Bloody Morgan quasi vom Modernen zum Archaischen. Von der in die Höhe ragenden Hauptstadt der Welt zu einer vergessenen Höhle aus dem 17. Jahrhundert - Ein größerer und interessanterer Kontrast ist schwer vorstellbar.

Dabei beraubt Fleming Bond schrittweise aller Verbündeter, bis er schließlich völlig auf sich allein gestellt durch den nächtlichen Ozean tauchen muss, den Fleming in Anlehnung an den berühmten Psalm 23 zum Tal der Todesschatten stilisiert. Natürlich inklusive der unheimlichen Begegnung mit dem Tier, das ihn besonders faszinierte und dem er eine eigene Kurzgeschichte widmete, dem Oktopus. Fleming verarbeitete dabei seine eigenen Taucherfahrungen mit dem berühmten Tiefseeforscher Jaques Costeau, den er im Roman auch namentlich erwähnt.

Überhaupt bewegt sich Fleming in vertrautem Terrain. New York besuchte er mehrmals. Zuerst im 2. Weltkrieg, danach als Journalist. Er begleitete Detectives bei ihrer Tour durch Harlems Nachtclubs und wurde durch einen lokalen Drogenhändler zu der Figur des Mr Big inspiriert. Die Zugreise von New York nach Florida unternahm Fleming mit dem Silver Meteor, der im Buch Silver Phantom heißt. Und Mr Bigs Insel lag quasi um die Ecke von seinem Haus Goldeneye auf Jamaika. Die fiktive Isle of Surprise ist dem realen Carabita Island vor Port Maria nachempfunden. (Obwohl Fleming bei Markennamen bewusst auf variierende Phantasienamen verzichtete, hatte er offenbar kein Problem mit fiktiven geographischen Entsprechungen.)

Man könnte Fleming vorwerfen, dass er Bonds Agententätigkeit zwar ständig erwähnt und betont, aber nie wirklich zum Kern des realen Spionagegeschäfts vordringt, im Gegensatz zu Kollegen wie John Le Carré beispielsweise. Andererseits macht es gerade einen besonderen Reiz aus, wie die Bücher durch abenteuerliche Plot-Konstruktionen den Agententhriller mit eigentlich völlig abwegigen, exotischen Dingen verbinden. Bond als Agenten der britischen Krone auf einen US-amerikanischen Gangsterboss anzusetzen war an sich schon gewagt, aber Fleming setzt mal eben noch einen drauf, indem er auch noch einen Piratenschatz oder übernatürliche Elemente wie Hellseherei ins Spiel bringt.

Gerade damit hat Fleming aber auch den bis dato schnöden Agententhriller um eine bis heute ungemein erfolgreiche Farbenpracht erweitert. Bond ist nicht der Spion, der aus der Kälte kommt, sondern der in die Wärme geht. Statt muffigen Ostblockhotels und Brücken im Berliner Nebel gibt es Nobel-Casinos und Palmenstrände, statt Taxis edle Sportwagen und Oldtimer. Fleming hat damit bestimmte Genre-Konventionen auf kreative Weise ins Gegenteil verkehrt, ähnlich wie Alfred Hitchcock mit der berühmten Szene in NORTH BY NORTHWEST, in der Cary Grant nicht bei Nacht in einer engen Gasse angegriffen wird, sondern am hellichten Tag auf freiem Feld.

Dabei ist Bond als Charakter im Gegensatz zu vielen der späteren Filme erstaunlich menschlich, was sich - ebenfalls im Gegensatz zu den Filmen - eher in Details zeigt. Er hat beispielsweise Albträume vor seiner finalen Mission, mulmige Gefühle im Flugzeug oder ertappt sich dabei, in New York auf der falschen Straßenseite zu fahren. Er ist zudem ein Tierfreund und nimmt es dem Robber übel, einfach einen Vogel abzuschießen. Und auch das Schicksal seines Partners Felix zehrt an ihm. (In den Filmen wird diese menschliche Seite meist ins entgegengesetzte Klischee überstrapaziert, wenn man sich entschließt, sie aufzugreifen. Bond ist dann entweder der flammende Rächer oder der bärtige Alkoholiker. Die Darstellung von Bonds melancholischer Seite beschränkt sich darauf, betrunken an der Bar zu sitzen.)

Obwohl die Vesper-Affäre in Leben und sterben lassen beispielsweise nicht mehr direkt erwähnt wird, merkt man trotzdem an vielen Stellen im Buch deutlich Bonds Hass auf das sowjetische Terrororgan SMERSH. Eine davon ist der Dialog, der den Buchtitel erklärt:

"Und treten Sie bloß keinen Ärger los. Dieser Fall ist noch nicht so weit. Und bis er ist, verfahren wir mit Mr Big nach dem Motto 'leben und leben lassen'."

Bond warf Captain Dexter einen spöttischen Blick zu.

"In meinem Job", sagte er, "habe ich ein anderes Motto, wenn ich es mit einem Mann dieser Art zu tun bekomme. Es lautet 'leben und sterben lassen'."

Leider hat man diesen Dialog nicht in die entsprechende Verfilmung übernommen. Wie perfekt hätte er theoretisch auch in LICENCE TO KILL oder QUANTUM OF SOLACE gepasst, in denen die CIA ebenfalls die entsprechenden Gangster mit Samthandschuhen anfasst... Ebenso verschenkt hat man den bürgerlichen Namen von Mr Big - Buonaparte Ignace Gallia - eine von Flemings schönsten Namensschöpfungen.

Interessant an den Bondromanen Ian Flemings ist auf jeden Fall der Einblick in die westliche Welt der 1950er und 60er Jahre. Und das ist nicht nur die "gute alte Zeit", in der Männer Hüte und Frauen schicke Hochsteckfrisuren trugen. Diese Epoche hatte auch ihre Schattenseiten, die sich in den Bondbüchern beabsichtigt, oft aber auch unbeabsichtigt zeigen. Mr Big benutzt beispielsweise für sein Spionagenetz gewerkschaftlich organisierte Berufsgruppen wie Schlafwagenschaffner - ein Szenario, das sicher zu einem guten Teil auf den anti-kommunistischen Verschwörungsängsten der McCarthy-Ära beruhte.

Auch die Beschreibungen der schwarzen Bevölkerung sind aus heutiger Sicht oft befremdlich, mit Worten wie Neger oder sogar Niggerhimmel als Kapitelüberschrift. Als Wiedergabe von Bonds Gedanken ist auch mal von schwarzen Affen die Rede, oder an anderer Stelle von schwarzen Zuschauern, die wie Oliven in einem Glas nebeneinandersitzen. Man muss dazu allerdings sagen, dass Fleming hier oft den damaligen Zeitgeist wiedergab, und dieser Zeitgeist wurde - ähnlich wie heute - zu einem großen Teil von der Wissenschaft beeinflusst. Biologen wie Ernst Haeckel entschuldigt man aus heutiger Sicht allerdings seltsamerweise wesentlich bereitwilliger als Autoren wie Fleming.

Zudem ist es für Fleming selbstverständlich, dass Schwarze auf allen menschlichen Gebieten Genies hervorbringen. Mr Big ist so ein Genie, nur eins des Bösen. Der erste überlebensgroße und schillernde Bondbösewicht ist somit ein Schwarzer (Le Chiffre ist nicht unbedingt klassisch "larger than life", eher ein bösartiger Bordellbesitzer). Ein Rassist hätte Mr Big wohl entweder wesentlich weniger intelligent und kultiviert entworfen, oder gleich einen weißen Gangster über die abergläubige schwarze Bevölkerung herrschen lassen.

Aber wie man den Einblick auch wertet, den die Romane in die (Gedanken-)Welt der entsprechenden Zeitperiode bieten, ich finde es sehr gut, dass mit den Neu-Übersetzungenaus des Cross-Cult-Verlags dieser Einblick uneingeschränkt und unverfälscht ist. In Zeiten, in denen Bücher zensiert und umgeschrieben werden, ist das leider nicht selbstverständlich.


James Bond 2:


Leben und sterben lassen
von Ian Fleming

TB, sw, 352 Seiten, Preis: 12,80 €

ISBN 978-3-86425-072-9

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