Mittwoch, 3. April 2013

Die Dramaturgie der Bondfilme: Der Auslöser

Jede Geschichte beginnt mit einem Ereignis, das die Welt des Protagonisten aus dem Gleichgewicht bringt und eine Frage aufwirft, die im Finale des Films beantwortet wird. Bei JAWS ist es beispielsweise der grausame Tod einer jungen Frau durch einen weißen Hai, der einen kleinen Badeort in Panik versetzt und die Frage aufwirft, ob dieser Hai zur Strecke gebracht werden kann. Dieser Auslöser, oder big hook, soll den Zuschauer dazu bringen, sozusagen anzubeißen und bis zum Ende dran zu bleiben. Bei den Bondfilmen kann man im Prinzip drei Arten von auslösendem Ereignis unterscheiden.


In vielen Filmen setzt sich das auslösende Ereignis aus zwei Teilen zusammen: einem set-up und einem pay-off. In JAWS ist das set-up der Tod der Schwimmerin, das pay-off das Auffinden der Leiche und das Benachrichtigen von Sheriff Brody (Roy Scheider). Bei Bondfilmen ist das pay-off die obligatorische M-Briefing-Szene - ähnlich wie bei Krimis: Ein Verbrechen geschieht und Bond wird mit der Ermittlung der Hintergründe beauftragt. Und ebenfalls wie bei Krimis ist es weniger die private Welt des Protagonisten, die erschüttert wird, als vielmehr das Umfeld, oder hier die ganze Welt aus mehr oder weniger britischer Perspektive.

Bei den meisten Blockbustern wird der big hook möglichst spektakulär präsentiert. Bei JURASSIC PARK beispielsweise: Was wäre, wenn wir Dinosaurier klonen könnten, oder BRUCE ALMIGHTY: Was wäre, wenn ein Durchschnittstyp plötzlich allmächtig wäre. Beim Großteil der Bondfilme dagegen ist der Auslöser an sich verhältnismäßig unspektakulär. Einige beginnen tatsächlich eher wie Krimis: Sehr oft wird ein Agent getötet, manchmal wird geschmuggelt - Gold, Diamanten oder Kunstschätze - oder der Secret Service bekommt auch nur eine bestimmte Nachricht, wie etwa in FROM RUSSIA WITH LOVE oder THE MAN WITH THE GOLDEN GUN. Von diesem verhältnismäßig unspektakulären Aufhänger ausgehend wächst die Bedeutung dann immer mehr ins Extreme und Weltbedrohende. Vielleicht ist die klassische Vortitelsequenz auch daraus entstanden, das Unspektakuläre des eigentlichen Auslösers in einem spektakulären Actionfeuerwerk zu verpacken. In vielen Bondfilmen ist auch zwischen set-up und pay-off eine Actionszene geschaltet.

(Diese kleinen "Schneebälle", die sich gegen Ende zu Lawinen entwickeln, hat Fleming in den Romanen oft sehr geschickt genutzt. In Moonraker etwa gibt es nur einen winzigen Anfangsverdacht gegen Drax, dass er beim Kartenspielen betrügt.)

Da das auslösende Ereignis enorm wichtig für die Geschichte ist, sollte es auch unbedingt auf der Leinwand zu sehen sein. THE MAN WITH THE GOLDEN GUN ist der einzige Bondfilm, bei dem das set-up - hier das Abschicken der Kugel mit der Gravur 007 - nicht im Film zu sehen ist. (Selbst in DIAMONDS ARE FOREVER wird der eigentliche Schmuggel in Flashbacks gezeigt.)

Bei einigen der eher unspektakulären hooks wird auch nicht ganz klar, welchen Spannungsbogen sie eigentlich aufbauen. Bei FOR YOUR EYES ONLY etwa lautet die entscheidende Frage ganz klar: Kann Bond verhindern, dass das ATAC in die Hände der Sowjets gerät? In A VIEW TO A KILL dagegen entdeckt Bond einen Chip, der vor einem elektromagnetischen Puls schützt, in Sibirien. Die sich daraus ergebenden Fragen - wie kommt der Chip dorthin, und warum brauchen die Russen ihn - werden relativ früh oder überhaupt nicht geklärt. (Wahrscheinlich haben sie da gerade an den GoldenEye-Satelliten gebaut :-) Letztendlich sind die Bondfilme aber auch das Franchise, in dem dramaturgische Defizite wohl am ehesten verziehen werden...

Neben dem unpersönlichen und unspektakulären Aufhänger gibt es auch den zwar immer noch unpersönlichen, aber dafür spektakulären. Paradebeispiele dafür sind THUNDERBALL oder TOMORROW NEVER DIES. Hier wird gleich zu Beginn klar, dass der Weltfrieden oder Millionen Menschenleben auf dem Spiel stehen. Viele auslösende Ereignisse sind an sich schon spektakulär und bedrohlich, haben aber trotzdem noch nicht die Tragweite der letztendlichen Bedrohung, wie etwa die Entführung von U-Booten oder Tiger-Helikoptern.

Die dritte Kategorie schließlich - der persönliche Auslöser - taucht erstmalig mit LICENCE TO KILL auf. Hier wird ein Ungleichgewicht in Form von Ungerechtigkeit in Bonds rein privater Welt erzeugt - ein Anschlag auf einen Freund und dessen Frau während seines Urlaubs. (Wobei man sich streiten könnte, ob das Projektil als Warnung in THE MAN WITH THE GOLDEN GUN nicht bereits als persönlich gelten könnte. Immerhin wird Bond von seinem offiziellen Auftrag abgezogen und begibt sich im "Urlaub" auf die Suche nach Scaramanga.)

In THE WORLD IS NOT ENOUGH, DIE ANOTHER DAY, QUANTUM OF SOLACE und SKYFALL erzeugt das auslösende Ereignis eine Mischung aus privatem und beruflichen Ungleichgewicht - Attentate auf den MI6 aus Rache oder Jagd der Hintermänner von privatem Verrat oder Verlust. Ein sehr interessanter und für das Franchise neuartiger Nebeneffekt der teilweise privaten Missionen ist, dass die antagonistischen Kräfte nicht nur vom jeweiligen Gegenspieler ausgehen, sondern auch aus den eigenen Reihen erwachsen. Die CIA wird beispielsweise zum Gegner, M behindert seine Aktionen, und Bond stirbt beinahe durch "friendly fire" in SKYFALL.

Auch der Zeitpunkt des Handlungsauslösers hat sich im Lauf der Geschichte zum Teil nach hinten verschoben. Während in DR. NO beispielsweise der Mord an Strangways unmittelbar zu Beginn zu sehen ist, geschieht das pay-off - das Auffinden von Della und Leiter -  in LICENCE TO KILL relativ spät. (In mehrerer Hinsicht stellt LICENCE den größten Umbruch im Franchise dar; umso schwerer wiegt die Tatsache, dass das Marketing des Films mit diesem Pfund nicht wirklich zu wuchern wusste...)

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