Donnerstag, 6. Juni 2013

Bomben, Clowns und Zarenschätze

OCTOPUSSY wird 30

Am 6. Juni 1983 feierte der 13. James-Bond-Film OCTOPUSSY in London Premiere. Dominiert wurden die Schlagzeilen um den Film vor allem durch den sogenannten "Konkurenzbond" NEVER SAY NEVER AGAIN, (Sag niemals nie) der jedoch erst Monate später startete. Obwohl sich beide Film um entwendete Nuklearwaffen drehen, sind sie im Ansatz doch sehr unterschiedlich. Das Produktionsdesign von NEVER SAY NEVER AGAIN ist modern und mit dem Videospielduell sogar futuristisch, während viele Handlungselemente von OCTOPUSSY bewusst an Abenteuer aus vergangenen Zeiten erinnern. Bond & Beyond wirft einen Blick auf die Inspirationen und Zutaten des 007-Thrillers.

Ursprünglich war Octopussy als Supergangsterin angelegt, die sich an Blofeld für die Verstümmelung beider Hände rächen will. Sie sollte sich mit Bond zusammentun, der mit dem Katzenliebhaber auch noch eine Rechnung offen hat. Die rechtlichen Dauer-Querelen mit THUNDERBALL-Co-Produzent Kevin McClory verhinderten aber wieder einmal, dass Bonds Erzfeind noch einmal zu filmischen Ehren kam. Ein anderer Story-Entwurf machte es dem Titel die Superwaffe OCTO-PC. (Mehr dazu hier)

Hollywood-Legende Faye Dunaway (CHINATOWN) bekundete in Interviews Interesse an der Titelrolle. In Betracht gezogen wurden auch Persis Khambatta (STAR TREK - THE MOTION PICTURE), Susie Coelho und Barbara Parkins. Die Presse brachte das österreichische Erotik-Starlet Sybil Danning ins Gespräch, vermutlich wegen des anzüglichen Titels.

Auch für 007 wurde verschiedene Schauspieler getestet, um Roger Moore abzulösen. Darunter der US-Amerikaner James Brolin, Michael Billington, der bereits in THE SPY WHO LOVED ME als Liebhaber von Triple X auftrat, Timothy Dalton, Ian Ogilvy oder der Schweizer Oliver Tobias. Brolin hatte von ihnen die besten Chancen und wäre beinahe der vierte Bonddarsteller geworden.

Aber schließlich zog man es doch vor, den etablierten Roger Moore anstelle eines neuen Darstellers ins Rennen gegen "Ur-Bond" Sean Connery zu schicken. Damit brauchte die weibliche Hauptrolle auch kein Star sein und man konnte hier an der Gage sparen. (Dunaway kam ein Jahr später doch noch zu ihrem Schurkinnen-Auftritt in SUPERGIRL). Albert R. Broccoli beschloss, die als Schwedin eigentlich kaum indisch aussehene Maud Adams für die Titelrolle zu besetzen, die bereits in THE MAN WITH THE GOLDEN GUN an der Seite von Roger Moore spielte.

Aus Octopussy wurde eine geheimnisvolle Schmugglerin, und man flocht neben der titelgebenden Fleming-Kurzgeschichte auch The Property of a Lady in die Handlung ein, eine Geschichte, die Fleming für das Sotheby's-Journal The Ivory Hammer schrieb. Mit einem Ei des russischen Juweliers Peter Carl Fabergé floß ein typisches Fleming-Element ein, der gern kostbare Schätze wie Gold, Diamanten oder Kunstwerke ins Spiel brachte. In der Kurzgeschichte war der "Besitz einer Dame" allerdings ein Smaragd-Globus von Fabergé.

Der Hauptplot um eine Atombombe, die auf einem westdeutschen Army-Stützpunkt gezündet werden soll, um durch diesen vermeintlichen Unfall die NATO-Staaten zu einer einseitigen Abrüstung in Europa zu zwingen, orientierte sich am hochaktuellen politischen Tagesgeschehen. Infolge des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 rüstete man Westeuropa mit modernsten Pershing II und Tomahawk-Marschflugkörpern nach. Der Schriftsteller Frederick Forsyth entwickelte für seinen Roman Das vierte Protokoll, der mit Pierce Brosnan verfilmt wurde, ein sehr ähnliches Szenario.

Nach dem Tod von Leonid Breschnew ein Jahr vor dem Film - der den Auftritt des Breschnew-Doppelgängers im Film übrigens anachronistisch wirken lässt - hätte sich die Lage entschärfen können, doch das Gegenteil war der Fall. In einer berühmten Rede im März 1983 bezeichnete Reagan die Sowjetunion als "Reich des Bösen". Die Anti-Atom-Demonstrationen erreichten in der BRD und in Großbritannien ihren Höhepunkt. Ein verrückter Sowjet-General erschien da als Gegner wesentlich zeitgemäßer als der neutrale Blofeld. (Siehe dazu z.B. Machtkampf in Moskau im Spiegel von 1982)

Sogar die Verbindung eines Zirkus mit Schmuggel hatte einen erstaunlich realen Hintergrund. Breschnews Tochter Galina nutzte den Moskauer Staatszirkus inkognito für Reisen ins Ausland und war in illegale Juwelengeschäfte verwickelt (siehe Spiegel von 1988: Die Brillanten der Madame Galina Breschnewa). Die Drehbuchautoren ahnten davon jedoch nichts, sie kamen mit ihrer Phantasie zufällig der Realität nahe, wie so oft.

Verschiedene Ideen aus früheren Drehbuch-Fassungen wurden in OCTOPUSSY verwirklicht. Die messerwerfenden Zwillinge und die Flucht mit dem BD-5 Minijet stammten noch aus frühen Fassungen zu MOONRAKER. (Ich frage mich immer, wie die Produzenten diese Mehrfachverwertungen rechtlich mit den Autoren abklärten...) Das Backgammon-Spiel sollte eigentlich im Kairoer Casino in THE SPY WHO LOVED ME stattfinden, mit dem Mikrofilm als Einsatz. Und die Elefantenjagd auf Bond ist schließlich ein Element, das Produzent Harry Saltzman eigentlich in THE MAN WITH THE GOLDEN GUN einbauen wollte und dafür schon kiloweise "Elefantenschuhe" bestellt hatte.

Die Rudyard-Kipling-Atmosphäre der Indienszenen geht auf das Konto von Schriftsteller und Drehbuchautor George MacDonald Fraser, dessen berühmte 12-bändige Flashman Papers sich um einen britischen Offizier im Dienst des Empires drehen. MacDonald Fraser beschwor mit seinem Drehbuch des Geist des Indiens der Jahrhundertwende unter britischer Kolonialherrschaft, und brachte phantastische Einfälle wie das tödliche Säge-Jojo ein.

Die Jagd auf Bond ist zudem eine Hommage an eine Kurzgeschichte von Richard Connell, The Most Dangerous Game, die 1932 unter gleichem Titel verfilmt wurde. Der Film entstand parallel zu KING KONG und nutzte dieselben Kulissen. (Mit Bond im Affenkostüm schließt sich der Kreis wieder) Leider machte Glen aus dem düster-bedrohlichen Potential dieser Idee eine Gag-Nummernrevue, deren grobe Albernheit eher an Vaudeville oder den frühen Film erinnert. Für eine kurze Szene, in der sich Bond an Lianen durch den Urwald schwingt, verwendete man den berühmten Tarzanschrei von Schwimmer und Jodler Johnny Weissmüller aus TARZAN THE APE MAN, ebenfalls von 1932, der durch die Fusion mit MGM aus deren Archiven verfügbar war.

Die in der DDR spielenden Szenen stellen im Film keinen allzu großen Bruch mit dem Indienteil dar, vor allem durch die Szenen im Zug, die durch zum Teil hölzerne Wagons und Dampfloks ebenfalls im positiven Sinn altmodisch wirken. In der DDR waren bis Ende der 1980er Jahre tatsächlich Dampfloks im regulären Einsatz, und ich kann mich erinnern, als Kind ebenfalls mit solchen Zügen gefahren zu sein.

Der War Room der Sowjets ist eine klare Hommage an Ken Adams berühmtes Set in DR STRANGELOVE. Auch Orlov-Darsteller Steven Berkoff orientierte sich für seine Rolle an George C. Scotts General „Buck“ Turgidson.

Einen großen Einfluß bemerkt man bei OCTOPUSSY, wie auch bei den anderen Glen-Filmen, durch die Filme Alfred Hitchcocks, vor allem dessen britischen Filmen. In vielen der frühen Hitchcockthriller gibt es Actionszenen in, an oder auf Dampfzügen, wie beispielsweise in THE LADY VANISHES, THE 39 STEPS oder SECRET AGENT. Die Zirkusszenen im Zug erinnern teils sehr an THE LADY VANISHES, wo ebenfalls Zirkusutensilien in einem Zug eingesetzt werden. In SABOTEUR gibt es zudem eine auch längere Sequenz, in der Zirkusleute die Protagonisten vor der Polizei in ihren Waggons verstecken.


Ein typisches Hitchcock-Element ist zudem der McGuffin in der Hand eines sterbenden Agenten, wie das Fabergé-Ei, das 009 aus der Hand rollt. In SECRET AGENT ist es ein Knopf in der Hand eines Toten, der in einer Kirche gefunden wird. In THE 39 STEPS findet der Hauptdarsteller eine markierte Landkarte in der Hand einer toten Agentin, der wie 009 noch das Messer im Rücken steckt. Auch in den beiden Verfilmungen von THE MAN WHO KNEW TOO MUCH sowie NORTH BY NORTHWEST gibt es diese Szene.

Die tickende Bombe, bei der der Zuschauer im Gegensatz zu den Protagonisten den Countdown sehen kann, ist ein perfektes Beispiel für Suspense. Und schließlich liebte Hitchcock Showdowns in schwindelerregender Höhe, was John Glen bei all seinen Bondfilmen außer LICENCE TO KILL nachahmte. (Bei A VIEW TO A KILL ist es sogar ein Showdown auf einer Touristenattraktion, ähnlich der Freiheitsstatue in SABOTEUR oder Mount Rushmore in NORTH BY NORTHWEST.)

Natürlich erreicht OCTOPUSSY nicht die geniale Leichtigkeit in der Verbindung von bedrohlichen Verschwörungen, haarsträubend-absurden Situationen und augenzwinkerndem Humor, die die frühen Hitchcock-Filme auszeichnet. Doch der abenteuerliche Story-Mix war auf jeden Fall gewagter und mutiger als das Konzept von NEVER SAY NEVER AGAIN, und wurde vom Publikum auch mehr belohnt. Und der Film wurde wiederum selbst zitiert, vor allem in Steven Spielbergs INDIANA-JONES-Reihe, wie einige der Indienszenen im zweiten, ein Zirkuszug im dritten und sogar die berühmt-berüchtigte Tarzan-Action im vierten.

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