Dienstag, 30. Juli 2013

Skyfall & The Living Daylights

Zur Zeit lese ich The Making of The Living Daylights von Charles Helfenstein, ein phantastisches Buch über einen phantastischen Bondfilm. Hochinteressant ist vor allem die frühe Planungsphase des Jubiläumsfilms, die im Herbst 1985 begann. Der langjährige Bonddrehbuchautor Richard Maibaum schrieb zusammen mit Michael G. Wilson eine Origin-Story, die schildert wie Bond zum Doppelnull-Agenten wurde. (Und das mehr als ein Jahrzehnt vor der Prequelmanie in Hollywood, und sogar noch vor einem jugendlichen Indiana Jones!) Doch Cubby Broccoli war dagegen und meinte, das Publikum wollte Bond als Profi sehen, nicht als Amateur. Maibaum und Wilson waren ihrer Zeit über 20 Jahre voraus. Erst lange nach Cubbys Tod wagten die Produzenten, Bonds Anfänge als Agenten zu zeigen. Aber auch SKYFALL hat einige erstaunliche Parallelen zu dem ersten Treatment von THE LIVING DAYLIGHTS.



Die Vortitelsequenz von Maibaums und Wilsons Treatment ist in Österreich angesiedelt. Bei einem Ausflug mit Hängegleitern von einer Burg aus wird Bonds Gleiter sabotiert, woraufhin er in einen Wasserfall stürzt. Er überlebt und wird von einem Fischer gerettet. Sein anschließender Angriff auf den Saboteur führt zu Problemem mit seinen Vorgesetzten bei der Navy. Auch in SKYFALL geht eine Mission schief und führt dazu, dass Bond von einer Brücke und kurz darauf einen Wasserfall hinab stürzt. Hier wird seine Rettung allerdings nicht gezeigt.

Danach werden die Parallelen noch deutlicher. Um sich über seine Zukunft klar zu werden, reist Bond nach Schottland zum Familiensitz. Hier trifft er seinen Großvater, der ihn an die Verbundenheit seiner Familie mit der Royal Navy sowie an das Familienmotto The World is not Enough erinnert. Bonds Vorfahren haben beispielsweise in der Schlacht von Trafalgar gekämpft. Die Familientradition wird in SKYFALL zwar nicht explizit erwähnt, aber immerhin geht Bond über den Trafalgar Square in die Nationalgalerie, wo er sich mit Q über The Fighting Temeraire unterhält, ein Gemälde über eins der letzten Schiffe, die an der Schlacht teilnahmen. Das Gemälde könnte man also nicht nur als Metapher für Bond als Agenten in mittleren Jahren sehen, sondern auch für Bond als letzten Überlebenden einer glor- und traditionsreichen Familie. Interessanterweise stellt das Gemälde, das man am Ende in Mallorys Büro sieht, ebenfalls Schiffe in der Schlacht von Trafalgar dar. Es heißt HMS Victory Heavily Engaged at the Battle of Trafalgar. (Mehr zu den beiden Gemälden hier und hier auf dem sehr lesenswerten Blog von Judith Bridgland.)

In SKYFALL trifft Bond im Familienanwesen natürlich nicht mehr seinen Großvater an. Aber der von Schauspiellegende Albert Finney verkörperte Kincade ist eine sehr ähnliche Figur. Laut Helfensteins Buch orientierten sich Maibaum und Wilson bei Bonds Großvater an Donald Crisp, wie Finney ein britischer Schauspieler der alten Schule. Was bei THE LIVING DAYLIGHTS allerdings die erste Station der Haupthandlung gewesen wäre, ist bei SKYFALL die letzte.


Nach Schottland trifft Bond in London auf Admiral Messervy, der als M. den Secret Service leitet und Bond eine Karriere im Service vorschlägt. Das Gespräch mit einem älteren und ranghohen Mann, der trotz der Autoritätsprobleme des jungen Helden an dessen Potential glaubt, hat mich ehrlich gesagt ein bisschen an J.J. Abrams' STAR TREK und das Gespräch zwischen Captain Pike und dem jungen Kirk erinnert. Vielleicht hätte der 15. Bondfilm bei einer entsprechenden Inszenierung eine ähnliche Dynamik entwickelt und neue Zuschauerschichten begeistert.

Da sich SKYFALL eher um einen Agenten in der Midlife-Crisis dreht als um einen am Beginn seiner Karriere, gibt es dort dementsprechend auch weniger ältere Mentor-Figuren. Im Maibaum-Wilson-Treatment wird neben dem Großvater und Admiral Messervy auch ein Agentenveteran eingeführt. Die weitere Handlung führt wie in SKYFALL in eine asiatische Metropole - Singapur. Bond nimmt Tuchfühlung zu einer geheimnisvollen Frau auf, die der Schurke zu seiner Konkurbine gemacht hat, ähnlich wie Silva und Severine.

Der Showdown im Treatment unterscheidet sich sehr sowohl von der späteren Version von THE LIVING DAYLIGHTS als auch von SKYFALL. Eine starke Parallele gibt es dann allerdings wieder am Ende. Im MI6-Hauptquartier trifft Bond auf eine sehr junge Moneypenny, wird in die Doppelnull-Abteilung befördert und erhält ganz am Ende seinen ersten Agentenauftrag von M - die Ermittlung gegen einen gewissen Dr. No auf Jamaika. 

Letztendlich nahm die Story des 15. Bondfilms, der vielleicht schon The World is not Enough geheißen hätte, eine ganz andere Richtung. Mit Österreich und Wien sowie Flugzeug- und Pferde-Action in Asien blieben wenigstens ein paar Elemente aus dem ersten Entwurf erhalten. Heute kann man nur darüber spekulieren, wie diese Vision eines jungen Bonds auf der großen Leinwand Ende der Achtziger gewirkt und angekommen wäre. (Interessanterweise äußerte Roland Emmerich in einem Interview mit der Cinema einmal, dass er die Regie für CASINO ROYALE in Betracht zog und bereits einen Trailer im Sinn hatte, in dem ein von Sean Connery verkörperter Ausbilder in den sechziger Jahren einen gewissen James Bond als Rekruten entdeckt.) 

Die Szenen in Schottland und in der Skyfall Lodge im dritten Craigfilm wären in dem Film aber sicher nicht sehr viel anders gewesen. Letztendlich ist es gut, dass es diese persönliche Seiten von Bond doch noch ins Kino geschafft hat.

The Making of The Living Daylights © Spies Llc / Charles Helfenstein

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