Montag, 12. August 2013

Morgengrauen des Atomzeitalters

James Bond - Moonraker, Ian Fleming

James Bond 007 Moonraker, Ian Fleming, CoverMontage sind die Hölle für James Bond. Wenigstens in diesem Punkt ergeht es dem Doppelnull-Agenten wie den meisten von uns. Morgens durch das graue nebelige London ins Büro, nach einem Wochenende mit zuviel Alkohol und Zigaretten. Schießübungen mit dem Waffenmeister. Mittags Lunch in der MI6-Kantine. Dann die übliche Memos, Fluchtwege aus Ost-Berlin, die neuesten KGB-Waffen, etc. pp. Am Nachmittag ein bisschen herumtippen am eigenen Agentenratgeber. Und dann endlich das Klingeln des roten Telefons, der Ruf der weiten und gefährlichen Welt außerhalb des tristen London!




Doch es geht nicht um einen Anschlag auf einen Agenten Ihrer Majestät oder sonstige KGB-Machenschaften. Bond soll nur für M im exklusiven Blades Club dem Multimillionär Sir Hugo Drax auf die Finger schauen, und den Nationalhelden vor einer eventuellen Blamage durch Falschspielen bewahren. Das Duell am Spieltisch ist jedoch nur der Schatten eines viel größeren und brutaleren Kräftemessens, bei dem es um nichts weniger als die nationale Sicherheit Großbritanniens in einer Zeit stetig aufrüstender Supermächte geht!

Moonraker ist der dritte Bondroman nach Casino Royale und Leben und sterben lassen, und war mein erster, nachdem ich 1993 zum Fan wurde (In der Ausgabe des Scherz-Verlages hieß er Mondblitz). Dass Bond in dem Roman von 1955 am Ende nicht in den Weltraum fliegt, ahnte ich bereits irgendwie. Trotzdem war die Prä-Film-Bondwelt etwas völlig neues, so ganz ohne ironische Oneliner, halsbrecherische Actionszenen zu Beginn oder Autos und Uhren voller Gadgets. Man muss schon irgendwo bereit sein, sich darauf einzulassen, um dem Buch-Bond eine echte Chance zu geben. Aber es lohnt sich, wenn man es kann!

Moonraker ist von allen Bondromanen dem klassischen Krimi am nächsten. Bond wird nach einem mysteriösen Mordfall mit den Ermittlungen betraut und arbeitet mit einer Polizistin zusammen. Seine Werkzeuge sind sein Instinkt und seine Intelligenz; er muss Spuren suchen und Fingerabdrücke sichern. Der Roman hat teilweise fast Kammerspielcharakter. Der Ort der Handlung beschränkt sich auf London und die Küstenlandschaft nahe Dover, die Zeit auf eine Woche. Aber dadurch wirkt die Handlung auch ausgesprochen rund und in sich geschlossen, anders als noch im Vorgänger Leben und sterben lassen. Der größte Kritikpunkt ist sicher eine gewisse Vorhersehbareit ab einem bestimmten Zeitpunkt, die der Atmosphäre des Buches jedoch nicht schadet. Außerdem machen Bond und sein Gegenspieler auch hier schon die üblichen Fehler, die sie bis heute auch in den Filmen wiederholen. Bond nimmt einen offensichtlichen Anschlag auf sein Leben hin, ohne im großen Stil die Polizei zu alarmieren (das ist beispielsweise auch im Film MOONRAKER der Fall). Der Gegner nutzt dafür gegen Ende nicht die Gelegenheit, Bond einfach auszuschalten und damit seinen Plan nicht weiter zu gefährden.

Sehr vorausschauend ist dagegen Flemings Idee, dass ein Terrorist durch diverse Manipulationen am Aktienmarkt Gewinne durch seinen Anschlag plant, was erst 2006 im Film CASINO ROYALE aufgegriffen wurde.

Die Atmosphäre des Londoner Clubland erinnert ein bisschen an Jules Vernes' In 80 Tagen um die Welt. (Nicht umsonst haben wohl Flemings Favorit David Niven und Pierce Brosnan erfolgreich den weltreisenden Phileas Fogg verkörpert) Der fiktive Blade's Club ist eine Mischung der realen White's Club, Boodle's und des Portland Club, in dem seit 1826 Bridge gespielt wird. (In diesen Clubs ist die englische Küche sicher tatsächlich die beste der Welt, wie Fleming seinen Helden bemerken lässt)


Nachdem Fleming mit Le Chiffre und Mr. Big bereits zwei markante Schurken kreiert hatte, stattete er seinen Antagonisten hier auch endlich mit einem Plan aus, der eine echte Bedrohung darstellt. Dabei haben Nuklearwaffen eine erstaunlich weit zurückreichende Tradition in der britischen Literatur. Bereits der Science-Fiction-Urvater Herbert George Wells veröffentlichte am Vorabend des ersten Weltkriegs 1914 (!) die Schreckens-Vision eines globalen Atomkrieges, in The World Set Free. Robert Nichols and Maurice Browne schrieben 1929 ein erfolgreiches Broadway-Stück namens Wings over Europe, in dem ein Wissenschaftler eine Weltherrschaft unter britischer Führung durch neuartige Atomwaffen vorschlägt. Im Roman Public Faces von Harold Nicolson aus dem Jahr 1932 strebt Großbritannien eine weltweite Abrüstung durch ein Monopol von Atomwaffen an, die bereits durch Raketen zu ihren Zielen geschickt werden können. (Mehr dazu hier)

Fleming steht in dieser britischen Tradition, war aber einer der ersten Autoren, die die Bedrohung durch atomare Terroranschläge als Suspense-Mittel im klassischen Thriller benutzten. Flemings Szenario orientiert sich dabei an den Fakten und war wie die Filme später nur 'drei Minuten in der Zukunft'. Ähnlich wie das Space Shuttle, das zwei Jahre nach dem Film MOONRAKER in Betrieb genommen wurde, starteten die ersten Interkontinentalraketen von Baikonur und Cape Canaveral zwei Jahre nach dem Roman, im Jahre 1957. Um die wissenschaftlichen Fakten zu verifizieren, korrespondierte Fleming unter anderem mit Arthur C. Clarke, dem Autoren von 2001 - A SPACE ODDYSSEY.

Durch die deutschen Bombardierungen Londons, bei der Flemings Freundin durch einen Splitter im Schlaf getötet wurde, war das Thema für ihn auch ein persönlicher Albtraum. Die Raketenexperten der Nazis wurden unmittelbar nach Ende des Krieges von Amerikanern und Russen angestellt, darunter auch der spätere NASA-Experte Wernher von Braun. Diese Praxis löste nicht nur bei Fleming Kritik und Misstrauen aus, wie auch noch der Film DR. STRANGELOVE 1964 dokumentiert.


Seltene Farbaufnahmen der deutschen V2, die die Inspiration für den Moonraker waren


Der Ullstein-Verlag, der Casino Royale und Leben und sterben lassen in Deutschland veröffentlicht hatte, lehnte Moonraker wegen 'antideutscher Tendenzen' ab. Für die deutsche Erstausgabe durch den Scherz-Verlag wurde der Roman dann an zahlreichen Stellen gekürzt, meist gegen Ende verschiedener Kapitel, deren Titel man ebenfalls weg rationalisierte. So entfallen beispielsweise Bemerkungen über Drax' preußische Herkunft, aber auch detailierte Beschreibungen im Blade's Club sowie Hintergrundinformationen über Bonds Vergangenheit. Diese gestrichenen Passagen wirken zwar nicht sinnentstellend, tragen aber an vielen Stellen zur speziellen Atmosphäre der Fleming'schen Welt bei, die die Bücher von anderen Thrillern unterscheiden.

Insofern ist auch dieser Roman in der neuen Übersetzung des Cross-Cult-Verlages ein Muss für wahre Bondfans!

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