Dienstag, 1. April 2014

John Logan - Eine Retrospektive (Teil 1)

„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern", lautet eine Weisheit. Da Drehbuchautor John Logan gerade den schönsten Job auf diesem Planeten hat und das neuste James-Bond-Abenteuer schreibt - und auch das nachfolgende verfassen wird - sollte sich in diesem Sinne ein Blick zurück auf seine bisherigen Arbeiten lohnen, um Trends und Themen in der weiteren Entwicklung des Franchise auszumachen. Dabei eröffnen sich einige interessante Details!


Drehbuchautoren werden oft unterschätzt; Regisseure und Darsteller erhalten in der Regel wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Sehr deutlich ist mir das bei dem Sichten der entsprechenden DVDs und Blurays geworden. Keine einzige (!) hatte einen Audiokommentar von Drebuchautoren, obwohl die doch die gesamte Welt des Films mit ihren Figuren, deren Wünsche und Ängste, kreieren. Nur im Making-of von CORIOLANUS kam Logan vor, aber auch nur weil Regisseur Ralph Fiennes ihn nach der Berlinale-Premiere auf die Bühne holte.

Obwohl John Logan seit mehr als zehn Jahren im Geschäft ist und in zahlreichen Genres arbeitete, wird Bond 24 seine erste Film-Fortsetzung sein. Nachfolgend eine Übersicht und Analyse seines bisherigen Schaffens:

Televisionen

Bevor er sein erstes Drehbuch für einen Fernsehfilm verfasste, war John Logan etwa zehn Jahre lang erfolgreich als Theaterautor in Chicago tätig. Zu seinen Erfolgen zählen Stücke über berühmte Kriminalfälle, wie der Mord, der auch Alfred Hitchcock zu THE ROPE inspirierte (Never the Sinner) oder die mysteriöse Entführung von Charles Lindberghs Sohn (Hauptmann). Sein Debüt gab er 1996 mit dem Fernseh-Katastrophenthriller TORNADO!, der zeitgleich mit TWISTER erschien. Er ist allerdings leider nicht in Deutschland erhältlich, daher kann ich an dieser Stelle nichts dazu schreiben.

Darauf folgte der TV-Horrorfilm BATS - im Prinzip eine Art THE BIRDS mit Fledermäusen. Der Film ist klassischer Creature-Horror mit soliden Effekten, der genau so eigentlich auch aus den Achtziger Jahren stammen könnte - was durchaus positiv gemeint ist. Er enthält gegen Ende eine Szene, die mich sehr an SKYFALL erinnert hat: Die Protagonisten verbarrikadieren sich in einem alten Gebäude und wappnen sich teilweise mit Alltagsgegenständen gegen die Gefahr, die nachts dann aus der Luft über sie hereinbricht - Das Ganze untermalt von klassischer Musik von einem Grammophon.

In BATS, bei dem Logan auch ausführender Produzent war, zeigt sich auch bereits ein Grundthema, das viele seiner Drehbücher dominieren wird: Die von Hassliebe geprägte Beziehung zwischen Monster und Schöpfer. Seine Serie Penny Dreadful, die sich mit klassischen victorianischen Monstern wie Frankenstein beschäftigt, ist da eigentlich die logische Konsequenz seiner Karriere. (Auch in SKYFALL wird das deutlich: Antagonist Raoul Silva sagt zu M: "Look upon your work, Mother!" Das "Monster" verfolgt seine "Schöpferin" ähnlich wie in Frankenstein bis in den eisigen Norden.) Aus der Monster-Thematik ergibt sich fast automatisch eine potentielle Kritik von Fortschritts- und Machbarkeitsglauben. Dazu später mehr.

Logans nächstes Projekt war bereits deutlich ambitionierter: Das von Ridley und Tony Scott produzierte TV-Biopic RKO 281 (Citizen Kane - Die Hollywoodlegende) um die Entstehung von Orson Welles' genialem Filmdebüt CITIZEN KANE. Die Titelfigur von Welles' Films, Charles Foster Kane (ein früher Arbeitsname war übrigens Craig), basiert auf dem Medientycoon William Randolph Hearst (James Cromwell), der die Aufführung des Filmes deshalb mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Hearst war auch das Vorbild für Carver in TOMORROW NEVER DIES und wird dort namentlich erwähnt, aber wenn man sich RKO 281 ansieht merkt man einmal mehr, wie viel Potential da verschenkt wurde.

Logan, ein großer Fan von CITIZEN KANE, recherchierte intensiv für dieses Projekt. Die Besetzung ist hochkarätig - Liev Schreiber als Orson Welles, Roy Scheider als RKO-Chef, David Suchet sowie John Malkovich als Drehbuchautor Herman Mankiewicz (der Onkel von Bondautor Tom Mankiewicz). Ursprünglich sollte Ridley Scott auch Regie führen und der Film ins Kino kommen, doch man verkleinerte das Projekt für das Fernsehen. Nichtsdestotrotz ist es ein absolut sehenswerter und gut gemachter Film!

Mögen die Spiele beginnen!

Ähnlich wie Orson Welles im Film befand sich Logan nun in einer vergleichbaren Position, als etablierter Theatermann, der seinen Einstieg ins Kinogeschäft sucht. Das gelang ihm mit einem sogenannten Spec-Script, einem Drehbuch, dass man ohne Auftrag sozusagen auf gut Glück schreibt und anbietet - ANY GIVEN SUNDAY (An jedem verdammten Sonntag). Logans Idee für den Film war, Shakespeares König Lear in die Welt der National Football League NFL zu übertragen.

John Logan gelang es, Erfolgsregisseur Oliver Stone für das Buch zu gewinnen, das ursprünglich noch On Any Given Sunday hieß. Stone betreute 26 Überarbeitungen, ließ aber auch noch zwei andere Original-Drehbücher in den Film einfließen: Monday Night von Jamie Williams und Playing Hurt von Daniel Pyne. Deshalb ist es recht schwierig auszumachen, welche Elemente genau von Logan stammen. Da Logan und Stone das Shooting-Script überarbeiteten, wurden beide in den Credits als Drehbuchautoren erwähnt. Viele Szenen wurden zudem geschnitten, darunter Dialoge zwischen D'Amato und seinem Sohn.

ANY GIVEN SUNDAY erhielt fast durchweg gute Kritiken und verschaffte Logan die Beteiligung an einem Mega-Blockbuster.

Ridley Scotts GLADIATOR von 2000 ist einer dieser magischen Filme, die den Nerv der Zeit mit der Wucht eines Vorschlaghammers trafen. Er verhalf dem totgeglaubten "Sandalenfilm" zu neuem Leben und Hauptdarsteller Russell Crowe zu Superstar-Status. GLADIATOR inspirierte eine Menge nachfolgender Filme, bis hin zu der Art, wie Kampfszenen gefilmt und geschnitten wurden. Selbst heute, 14 Jahre später, merkt man den deutlichen Einfluss in Filmen wie POMPEII.

Das Original-Drehbuch stammt von David Franzoni. Logan wurde von Ridley Scott mit einer Überarbeitung beauftragt, der RKO 281 produziert hatte. In Franzonis Script heißt Maximus noch Narcissus. Marcus Aurelius stirbt eines natürlichen Todes, und Narcissus' Familie überlebt bis zum Schluss. Dafür wird Lucilla von Commodus getötet. Narcissus verfolgt Commodus durch die Gänge unter dem Kolosseum und tötet ihn. Nachdem die Revolte am Ende geglückt ist, segelt er mit Frau und Kindern in den Sonnenuntergang. (Hier der First Draft von Franzoni.)

Logan brachte mehr Subtext in die Dialoge. Er ließ Commodus sowohl seinen Vater als auch Maximus' Familie ermorden. Das machte den Antagonisten wesentlich stärker und ersetzt das Motiv, die Familie wiederzusehen, mit dem der Rache. Das Rachemotiv trägt schließlich den ganzen Film: "Father to a murdered son, husband to a murdered wife. And I will have my vengeance, in this life or the next!" Die Auswirkung von Rachsucht auf den Charakter wird Logan in späteren Drehbüchern noch genauer ausarbeiten. (William Nicholson unternahm danach eine zweite Überarbeitung und etablierte Maximus' Motivation, die Familie im Elysium wiederzusehen. Mehr zum Drehbuch hier.)

Kreaturen der Nacht

Noch während der Arbeit an GLADIATOR, die Logan als sehr strapaziös beschreibt, wurde er gefragt, an einer Neuverfilmung von THE TIME MACHINE mitzuarbeiten. Es erschien ihm als großer Spaß, und als Fan der George-Pal-Verfilmung von 1960 sagte er sofort zu.

DreamWorks wollte sich mehr an der Romanvorlage von H.G. Wells orientieren als an der beliebten Erstverfilmung. Wells bleibt jedoch in vielen Details sehr vage. Man erfährt weder den Namen des Zeitreisenden noch dessen Motivation, eine Zeitmaschine zu bauen. Logan gab ihm sowohl einen vollständigen Namen als auch eine starke dramatische Motivation. Auch die Eloi gestaltete man weniger passiv-kindlich als im Roman. Zudem bekamen die düsteren Morlocks verschiedene Kasten und einen menschenähnlichen Anführer, einen "Über-Morlock". (Der 800.000 Jahre in der Zukunft perfekt englisch spricht...)

Leider blieb durch die Änderungen und Ausschmückungen der gesellschaftskritische und dystopische Grundtenor des Literaturklassikers völlig auf der Strecke. Wie schon in der 1960er Verfilmung wird der Visionär und Soziologe Wells hier auf einen putzigen Steampunk-Märchenonkel reduziert. Gerade von einem Urenkel des Autors auf dem Regiestuhl hätte man mehr erwartet. (Mehr zum Drehbuch hier.)

Brent Spiner, Darsteller des Data in Star Trek: The Next Generation und seit einer Broadway-Aufführung mit Logan befreundet, brachte ihn für den zehnten Star-Trek-Film NEMESIS ins Spiel. Zusammen mit Spiner entwickelte er die Idee um Datas Ende. Da Logans Lieblingsfolge der klassischen Serie Balance of Terror ist, in der erstmalig die Romulaner auftraten, geht es auch in NEMESIS um das Romulanische Imperium. Das Konzept der Remaner, einer von den Romulanern abgespaltene Rasse, die auf der sonnenabgewandten Seite von Remus lebt, erinnert dabei deutlich an die Morlocks in THE TIME MACHINE. Auch das Konzept eines menschlich aussehenden Anführers dieser Rasse, der sich Telepathie bedient, ist sehr ähnlich.

NEMESIS ist aus meiner Sicht nicht Logans bestes Drehbuch. Statt sich aus dem reichhaltigen Next-Generation-Kosmos zu bedienen, zaubert es Dinge und Charaktere aus dem Hut, deren Zweck sich darin erschöpft, den Plot voranzutreiben. Shinzon wirkt als dunkle Picard-Variante zu keinem Zeitpunkt wirklich glaubwürdig, es bleibt eine bloße Behauptung des Drehbuches. Leider wurde das Drehbuch zudem massiv gekürzt, und damit viele gute Dialoge und Details über die romulanische Geschichte. Dazu kam mit Stuart Baird ein Regisseur, der nichts über Star Trek wusste und laut Aussagen der Crew auch keine Recherchen unternahm, um das zu korrigieren. (Den blinden Geordi La Forge hielt er beispielsweise für ein Alien.)

Es war die "letzte Reise einer Generation" - leider in eine kreative Sackgasse. Auf die Frage, warum der Film finanziell so enttäuschte, sagte LeVar Burton: "That's because it sucked!" Aber 2002 war allgemein kein glückliches Franchise-Jahr. Während Picard Auto fuhr, benutzte Bond Tarnkappen und Holodecks, und die Star-Wars-Helden machten eher Liebe als Krieg.

Sowohl in THE TIME MACHINE als auch in NEMESIS kommt die bereits angesprochene Monster-Thematik zum tragen. Der Morlock-Anführer sagt, dass seine Rasse das Produkt von Wissenschaftlern wie dem Zeitreisenden sei. Und der Zeitreisende zerstört am Ende seine Maschine und lebt unter einem Naturvolk. Auch Shinzon ist eine Art Monster, geklont und auf Tod programmiert. Seine Mischung aus Hass und Faszination projiziert er eher auf Picard, als auf seine Schöpfer.

In NEMESIS steht die Wissenschaftskritik eher im Hintergrund. Der erste Satz im Drehbuch lautet beispielsweise: Life. Glorious in its many forms. The biological pulse finding its way heroically through the cold manipulation of science. Technische Spielereien gibt es hier dementsprechend auch weit weniger als in anderen Star-Trek-Filmen. Picard fährt mit seinem Außenteam beispielsweise in einer Art Jeep herum, und am Ende wählt er das wahrscheinlich archaischste Manöver, das man sich mit Raumschiffen vorstellen kann: Rammen.

Letzten Endes steht sich diese Fortschritts-Kritik bei Filmen, die in der Zukunft spielen, aber selbst im Weg. Die Zeitmaschine, die am Ende der Handlung als Wurzel allen Übels dargestellt wird, ist immerhin die Hauptattraktion des Filmes. Insofern wirkt die Moral am Ende etwas aufgesetzt. Logans Vorliebe für das Archaische und Traditionelle macht ihn wohl nicht zu einem begnadeten Science-Fiction-Autoren. Was man den Filmen auch anmerkt, denke ich. Das ist auch der Grund, warum ich keine ausgefallenen und futuristischen Gadgets oder Handlungselemente in seinen Bondfilmen erwarten würde.

"Who's bad? - Sinbad!"

Nach Raumschiffen ging es beim nächsten Projekt um Segelschiffe, im Animationsfilm SINBAD - LEGEND OF THE SEVEN SEAS (Sinbad - Der Herr der sieben Meere) von 2003. Das ist einer dieser Filme, die ich mir aus reinem Interesse wahrscheinlich nie angesehen hätte. Aber die Geschichte wirkt überraschend durchdacht und erwachsen, und leiht nicht nur bei Homers Odyssee, sondern auch bei Dickens' Eine Geschichte aus zwei Städten und Schillers Bürgschaft.

Aber vielleicht war die Story auch zu erwachsen - ähnlich wie zuvor NEMESIS enttäuschte SINBAD an der Kinokasse und führte dazu, dass DreamWorks keine Zeichentrickfilme mehr produzierte und sich stattdessen auf CGI-3D-Filme konzentrierte.

Auffällig ist, dass Sin(d)bad hier nicht wie üblich in der islamischen Welt um Bagdad angesiedelt ist, sondern eher in der griechischen Antike und in Syrakus. Vielleicht wollte man das Thema Islam nach 9/11 und dem Irakkrieg weitgehend vermeiden. Zumal die Hauptfigur teilweise eh schon etwas zu wenig Sympathie versprüht.

Übrigens -  Raten Sie mal, wie Sinbads Schiff im Film heißt. Es ist derselbe Name, den Silvas Segelschiff in SKYFALL hat: Chimera. Spätestens an dieser Stelle beschlich mich der Verdacht, dass Logan in SKYFALL diverse Anspielungen an frühere Drehbücher eingebaut hat. Einige Déjà vus sollten noch folgen.

Zurück in die Vergangenheit

Nach den eher überschaubaren Erfolgen im Bereich Science Fiction und Fantasy wandte sich Logan wieder dem Historien-Epos zu, dem Genre, das ihm seine bis dato größten Zuschauerzahlen und eine Oscar-Nominierung beschert hatte: Mit dem von Tom Cruise mitproduzierten THE LAST SAMURAI. Der Film basiert auf der Satsuma-Rebellion in Japan Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

THE LAST SAMURAI unter der Regie von Edward Zwick ist ein wunderbar geschriebener, inszenierter und fotografierter Film, der auch an der Kinokasse erfolgreich war. Er legte den Grundstein für die Hollwood-Karriere des Japaners Ken Watanabe, der für seine Rolle eine Oscarnominierung erhielt und danach mit Clint Eastwood und Christopher Nolan arbeitete.

Der Film basiert auf einem Original-Drehbuch von John Logan, aber Logan und Zwick sahen sich nach dem Film Vorwürfen ausgesetzt, die wohl jeden Autoren irgendwann mal ereilen. Zwei Autoren beschuldigten Zwick und die Produktionsfirma, ein ihnen 2000 zugesandtes Drehbuch, das ebenfalls The Last Samurai hieß, gestohlen zu haben. Der Prozess endete 2012 mit einem Freispruch, mehr dazu hier.

Auch in THE LAST SAMURAI prallen Tradition und konservative Werte auf eine brave new world. Exemplarisch ist dafür die Szene, als die auf Pferden und mit Schwertern angreifenden Samurai von einem einzigen Mann an der Kurbel eines Maschinengewehres niedergemäht werden.

Mehr dazu sowie zu bondigen Déjà vus und Ausblicken im zweiten Teil.

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