Donnerstag, 23. Oktober 2014

Sie machen mir Spaß, Mr. Bond!

James Bond In Our Sights: A Close Look At 'A View To A Kill'

Andrew McNess: James Bond in our Sights: A closer Look at 'A View To A Kill' (Book Cover)Über die Klassiker des Franchise wie GOLDFINGER oder DR. NO findet man mittlerweile einiges an Literatur. Aber zu A VIEW TO A KILL? Der vierzehnte Eon-Film, der 1985 in Deutschland unter dem Titel Im Angesicht des Todes erschien, zählt nicht gerade zu den Lieblingen von Fans und Kritikern. Meist findet man ihn eher im Bodensatz der Listen wieder - "Wie ein alter Witz, der einmal zu oft erzählt wurde", schrieb das Time Magazin beispielsweise. Andrew McNess stellt sich trotzdem der Herausforderung und analysiert dieses 'müde Agentenabenteuer'. Das Ergebnis ist eins der interessantesten und kurzweiligsten Bondbücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.


Zum ersten Mal sah ich Im Angesicht des Todes bei seiner Premiere im deutschen Öffentlich-Rechtlichen, im April 1993. Und ich fand ihn auch nicht gerade berauschend. Vieles wirkte altbacken, vor allem verglichen mit anderen Filmen aus der Zeit. Die Actionszenen am Eiffelturm und an der Golden Gate Bridge wirkten auf mich irgendwie bemüht; als wolle man sich die Wirkung dieser Bauwerke in Ermangelung eigener überlebensgroßer Sets für den Film 'ausleihen'. Und so weiter...

Obwohl sich der Film seitdem in der Wahrnehmung verbessert hatte, gehöre ich damit wohl zur Zielgruppe des Buches. Im Prinzip lädt es ein: Lass uns den Film mal durchgehen und sehen, ob er wirklich so schlecht ist. Es ist in fünf Abschnitte gegliedert. Teil 1, The Four 'Prinicipals' of a Kill, widmet sich den vier Hauptdarstellern - Roger Moore, Tanya Roberts, Christopher Walken und Grace Jones.

Die drei folgenden Abschnitte - The View Unfolds, The View Expands und The View Retracts - analysieren in chronologischer Folge die Filmhandlung. Was mich an A VIEW TO A KILL immer etwas gestört hat war, dass das problematische Alter des Hauptdarstellers einfach ignoriert wird. In OCTOPUSSY hatte Roger Moore mit Maud Adams ein vergleichsweise glaubhafteres Gegenüber. McNess macht jedoch anhand einiger Szenen deutlich, dass der Film Alter und das Ende der Ära Moore auf eine subtile Weise thematisiert. Anders als etwa bei GOLDENEYE oder SKYFALL springt einem Franchise-Selbstreflexivität hier nicht förmlich ins Gesicht.

Oft liest man auch, dass John Glen Schema und Struktur der Bondformel überraschungsarm und mechanisch abspult. Ein genauer Blick zeigt jedoch viele interessante Abweichungen und Variationen. In den vier vorhergehenden Filmen endete beispielsweise die erste Konfrontation mit den Unterschurken jeweils mit einem Triumph für Bond. Die Handlanger sterben oder werden der Lächerlichkeit preisgegeben. (Sandor in THE SPY WHO LOVED ME, Chang und die Gondeljäger in MOONRAKER, Gonzales' Leute und Kriegler in FOR YOUR EYES ONLY und Gobinda in OCTOPUSSY) In A VIEW TO A KILL endet diese Actioszene mit einem Sieg der Gegenseite. Bond kann den Killer von Aubergine nicht einholen. In einer geschnittenen Szene landet Bond sogar erstmals im Knast und muss von M rausgeholt werden. In vielen Aspekten ist der Film der nachfolgenden Dalton-Ära näher als den cartoonhaften Moore-Abenteuern.

Der letzte Teil Evocations of a Kill widmet sich schließlich den folgenden Bondfilmen und der Nachwirkung von A VIEW TO A KILL. Der Autor betreibt außerdem einen Blog zum Buch.

Wenn man sich auf das Buch einlassen kann, entwickelt es einige sehr interessante Argumente und Punkte. Für mich ist der vierzehnte Eon-Bond dadurch ein gutes Stück nach oben gewandert in der Liste. Natürlich wird er nicht unbedingt zu CASINO ROYALE. Andrew McNess ist sich der Schwächen des Films durchaus bewusst, und versucht nicht, alle davon wegzuerklären. Aber man spürt, dass selbst in den vermeintlich seelenlosen und formelhaften Beiträgen der Reihe ein enormes Interpretationspotential ruht. Es macht auf jeden Fall Spaß, einen Film, den man in- und auswendig zu kennen glaubt, mit anderen Augen zu sehen.

Und es gehört für mich zur Faszination der Bondreihe, dass auch die allgemein weniger geliebten Filme ihre Fans und Verteidiger finden, und ein ganzes Buch wert sind.

Kommentare:

  1. Witzigerweise finden sich hier weniger Gadgets als beim Nachfolger. Und Bond muss im letzten Drittel ohne Kavallerie auskommen, ganz wie in seinen ersten beiden Abenteuern. Leider haben es Wilson & Maibaum nicht geschafft, aus der Prämisse eine zusammenhängende Story zu basteln...

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    1. Und es sind sogar Gadgets, die in echt funktionieren würden. Ich finde eh, dass der Film in vielen Aspekten eine Brücke zu Moores Ersten schlägt. Vom ungewohnt poppigen Titelsong über den depperten Sheriff bis zum Schauplatz USA. Insofern macht der Einsatz von California Girls sogar Sinn: "I been all around this great big world And I seen all kinds of girls. Yeah, but I couldn't wait to get back in the states, Back to the cutest girls in the world" Moores Bond landet nach seinen Einsätzen rund um den Globus schließlich bei einem California Girl. :)

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  2. Auch wenn es sicher eine lobenswerte Sache ist, die Stärken eines Films wie "Im Angesicht des Todes" einmal hervorzuheben: Wenn man einen Film für sich alleine betrachtet, lassen sich natürlich viele positive und gute Elemente finden, aber wenn man ihn in Konkurrenz zu den 22 anderen Eon-Bonds stellt, verliert "Im Angesicht des Todes" in vielen Fällen haushoch, weil man vieles in der Bond-Serie einfach schon spritziger und überraschender bzw. schlicht besser gesehen hat. Da wirkt Moores Letzter einfach weit weniger frisch als manche 60er oder 70er Bonds und gehört daher eher zu den schwächeren Beiträgen der Serie. Bezeichnend für diese Sichtweise ist auch, dass der Film auch bei den Fans keine allzu große Lobby hat. Da kommen andere 80er Bonds wie "In tödlicher Mission" oder "Der Hauch des Todes", ja selbst der mittelmäßige "Octopussy" besser weg...

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    1. Das klingt ein bisschen wie "Meine Meinung steht fest, bitte belästigen Sie mich nicht mit Gegenargumenten". ;)

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  3. Nö, ich schrieb doch, dass es ein lobenswerter Ansatz ist, auch mal auf die Stärken einzugehen. Aber es ist eine Sache einen Film, den man toll findet, in ein Glashaus zu setzen und jedes Argument, das für ihn spricht, auf die Goldwaage zu legen. Ein andere ist es, ihn fair zur Diskussion zu stellen und mit seien Konkurrenten zu vergleichen. Mag sein, dass "Im Angesicht des Todes" allgemein etwas zu schlecht in den Bewertungen wegkommt, aber ihn nun im Gegensatz zum verkannten Highlight zu verklären, ist genauso daneben. Nur meine Meinung...

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    1. Und ich glaube, in dem Punkt tun Sie (oder Du :) dem Buch unrecht. Natürlich liegt der Fokus für den größten Teil auf AVTAK. Aber der Autor bemüht sich sehr um Fairness und geht auch auf den Vergleich zu den vorigen und nachfolgenden Bonds ein. Ich glaube, er hat im Vorfeld wirklich jede Kritik zum Film gelesen, die er finden konnte. Gerade das fand ich an dem Buch sehr sympathisch. Man spürt auf der einen Seite das Herzblut für den Film, auf der anderen ist es aber nie eine realitäts-ausblendende Fanboy-Schwärmerei.

      AVTAK wird nicht unbedingt zum "verkannten Highlight" erklärt. Er ist durch das Buch bei mir jetzt auch nicht von Platz 20 auf Platz 3 gestiegen. Wär ja auch unrealistisch. Aber ich glaube prinzipiell, dass es bei einem Werk, an dem hunderte von Menschen monatelang arbeiten, und dass man in zwei Stunden an sich vorbeiziehen ließt, viele gute Aspekte übersehen werden. Ich glaube auch nicht, dass man in einen Film "zu viel reininterpretieren kann". Eher zu wenig. :)

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