Sonntag, 1. Februar 2015

Der verlorene politische Hintergrund von DIE ANOTHER DAY

                               "I think it was a very bold move for them to have
                            Bond captured, tortured, and stripped of any identity."
                                                                                                             Pierce Brosnan

Verrat der Operation Gold, 1955
(Bundesarchiv)
In einem Interview anlässlich der Einweihung des SKYFALL-Zuges im Februar 2013 sagte Drehbuchautor Robert Wade, dass DIE ANOTHER DAY als Drehbuch noch einen wesentlich düsteren und härteren Grundton hatte: "'Die Another Day', on the page, was fairly gritty" (Siehe beispielsweise Yahoo). Der Abdruck des Protokolls einer Drehbuchsitzung im Buch The James Bond 007 Archives bestätigt diese Aussage, die seinerzeit in den Medien eher mit Unverständnis und Ironie kommentiert wurde. Demnach hatte der zwanzigste EON-Bondstreifen auf dem Papier tatsächlich einen ambitionierteren und realistischeren Anstrich als der fertige Film. Doch warum wurde dieser aufgegeben?






Die Idee hinter DIE ANOTHER DAY war ursprünglich, dass CIA-Funktionäre einen Schurken aufbauen, dem zum Schein die Schuld für diverse Machenschaften zugeschoben werden sollen, der sich jedoch gegen seine Geldgeber wendet.

Damian Falco (Michael Madsen) hatte eigentlich eine viel größere und zwielichtigere Rolle. Falco paktierte in den ersten Entwürfen mit Colonel Moon/Graves, gab die Weltraumwaffe - hier noch Solaris genannt - in Auftrag und besorgt die zur Finanzierung nötigen Blutdiamanten. In einer Sequenz in Antwerpen wird Bond Zeuge des Erwerbs dieser Blutdiamanten durch die CIA, und wird wiederum von der CIA erkannt. Graves baut also die Solaris-Waffe in Falcos Auftrag, will sie später aber für sich allein.

Bond kommt dieser Verschwörung auf die Spur und wird deshalb verraten und eingekerkert. (Ursprünglich sollte Bond auch an den Hoden gefoltert werden, was einen Film später in CASINO ROYALE umgesetzt wurde.) Gemäß der Punkteliste spielte man mit dem Gedanken, dass Falco in der Anhörung in der stillgelegten U-Bahnstation anwesend sein könnte. Er war eigentlich ein vollwertiger Gegenspieler, der durch seine Machtposition umso gefährlicher gewesen wäre!

Die Präsentation von Solaris (später umbenannt in Icarus) sollte eigentlich die inoffizielle Übergabe der Waffe von Graves an Falco sein. Die drei nordkoreanischen Generäle waren demnach ursprünglich US-amerikanische. Laut dem Protokoll der Drehbuchsitzung war die Rolle der CIA in den ersten Entwürfen jedoch immer noch zu kompliziert.

Mit einem gefährlichen Damian Falco wäre auch eine ambivalentere Agentin Giacinta 'Jinx' Johnson einhergegangen. (In dem Dokument wird sie sogar als Doppel-Null-Agentin bezeichnet.) Jinx sollte den Doktor in der Gen-Klinik ursprünglich töten, um in Falcos Auftrag Spuren zu Graves zu verwischen. Später in Island sollte sie für Falco den Solaris-gegen-Blutdiamanten-Deal tätigen. Falco hätte sie also als Werkzeug für seine dunklen Machenschaften missbraucht. Eine frühe Version deutete sogar eine sexuelle Spannung zwischen Falco und Jinx an. Ein Verhältnis vielleicht ähnlich dem zwischen Koskov und Kara in THE LIVING DAYLIGHTS.

Ein CIA-Chef, der heimlich einen Militär eines "Schurkenstaates" als Schein-Bösewicht aufbaut und eine SDI-ähnliche Weltraumwaffe entwickeln lässt, ein Schurke, der auf der CIA-Gehaltsliste steht und sich gegen seine Auftraggeber wendet, und ein Bond, der als unliebsamer Mitwisser gefoltert wird - das wäre eine sehr mutige und ambitionierte Story gewesen, die auch heute noch viele aktuelle Bezüge hätte. Durchaus 'gritty'!

Auch die Gefangennahme von Bond ging ähnlich wie im Roman You Only Live Twice mehr in Richtung Gehirnwäsche. Im Verlauf der Handlung sollte im Unklaren bleiben, ob Bond tatsächlich andere Agenten verraten hat - auch für Bond selbst, was ihm natürlich sehr zu schaffen macht. Ein faszinierender Aspekt, der Pierce Brosnan als Schauspieler noch einmal gefordert hätte.

Sowjetischer Offizier im CIA-Tunnel,(Bundesarchiv)
Die Story um einen britischen Agenten, der nach einer Gefangennahme in Nordkorea offenbar umgedreht wird und die britisch-amerikanische Zusammenarbeit gefährdet, erinnert dabei an den MI6-Agenten George Blake, der während des Koreakrieges von Nordkoreanern drei Jahre lang gefangen gehalten wurde. Nach seiner Freilassung arbeitete er weiter als britischer Agent, war jedoch indessen Kommunist geworden und torpedierte als Doppelagent - zeitweise sogar Dreifachagent - zahlreiche Operationen. Darunter auch die berühmte Operation Gold, bei der die CIA in den 1950ern durch einen Tunnel Telefonleitungen in Ost-Berlin anzapfte. Blake war einer von vielen Fällen, die den Briten bei den Amerikanern zusehends das Image eines unzuverlässigen und entbehrlichen Partners einbrachten. (Was Fleming als Hintergrund für den Roman You Only Live Twice aufgriff. Bond ist hier sozusagen das positive Gegenstück zu Blake.)

Blake gelang nach seiner Enttarnung und Verhaftung sogar wie Bond die spektakuläre Flucht aus der britischen Haft. Seine Helfer hatten ein kleines Funkgerät - damals ein futuristisches Gadget -  in seine Zelle geschmuggelt, mit dessen Hilfe er entkommen konnte. Er lebt heute noch als überzeugter Marxist in Moskau. (Hier ein seltenes Interview mit dem über neunzigjährigen Blake.)


Sechs Jahre vor QUANTUM OF SOLACE war mit DIE ANOTHER DAY also ursprünglich geplant, die zweifelhaften Bündnisse der US-amerikanischen Geheimdienste zu thematisieren, auf einer zwar spielerischen und phantastischen, aber durchaus ambitionierten Ebene. In diesem ebenso klassischen wie innovativen Szenario hätte ein Pierce Brosnan als gereifter, an sich zweifelnder und um Rehabilitation kämpfender Agent glänzen können. Dazu eine sinistre, übermächtige CIA-Verschwörung und eine gutherzige, aber von dunklen Kräften missbrauchte Agentin. Zum großen Jubiläum eine Geschichte, die die Anfänge des Kalten Krieges mit der Gegenwart verbindet, und die unschöne Realität mit dem Phantastischen.

Aber dann kam 9/11, und nichts war mehr so wie vorher. CIA-Funktionäre, die sich heimlich mit Schurken verbünden und eine Terrorwaffe finanzieren, die später gegen sie selbst verwendet wird - und einen verbündeten, britischen Agenten verraten und foltern lassen, war zu der Zeit wohl nicht mehr umsetzbar. Der Unmut vieler US-Zuschauer wäre dem Film sicher entgegengeschlagen. Der CIA-kritische Film THE QUIET AMERICAN (Der stille Amerikaner) mit Michael Caine floppte 2002 beispielsweise in den Staaten trotz sehr guter Kritiken.

Ivan Bessedin - FlickrMichael Madsen
Und so wurde aus Damian Falco schließlich ein - wenn auch launischer - Guter. Er ist wütend auf Bond und die Briten, aber aus nachvollziehbaren Gründen. Bond hat ja offenbar Geheimnisse und Agenten verraten, auch amerikanische. Es sind nicht die unmoralischen Verstrickungen der Amerikaner, sondern die scheinbare Inkompetenz des MI-6, die die US-Geheimdienste gegen die britischen aufbringt. (Etwas sehr ähnliches wurde ja auch in SKYFALL umgesetzt.)

Im fertigen Film ist Falco eine Figur, die man letztlich auch ganz hätte streichen können. Schade angesichts eines Charakterkopfes wie Michael Madsen. Jinx wurde zu einer zweidimensionalen Super-Barby, und die Verschwörung gegen Bond hat keinerlei weltpolitische Hintergründe mehr. (Interessanterweise gehören Falco und Jinx im Film auch nicht mehr zur CIA, sondern zur NSA. Und auch Jinx' Nachname von von Jordan zu Johnson geändert. Jordan ist eine Name, den einst Kreuzritter nach erfolgter Mission quasi als Belohnung erhielten. Vielleicht hielt man den Verweis auf die Kreuzzüge auch für zu heikel.)

Aufgrund der Einschränkungen im Flugverkehr nach 9/11 wurde auch die Besichtigung potentieller Drehorte massiv behindert. Die Locationsuche im fernen Osten musste aufgegeben werden. Ohne den 11. September hätten wir also sicher auch mehr als eine Hongkong-Fototapete zu sehen bekommen. Mit Fernost verschwand auch Wai Lin aus dem Drehbuch, die Bond nach seiner Flucht unterstützen sollte.

Die Strategie der Filmemacher war nun, den Grundton des Films in eine bewusst übertrieben eskapistische Richtung zu lenken. Teil der Handlung war beispielsweise ein Angriff nordkoreanischer Freelancer in einem Fahrstuhl - eine Szene, die man offenbar komplett als virtuelle Simulation umschrieb. Zum ersten Mal wurde der Umstand, dass Bondfilme sehr nah am Puls der Zeit - sozusagen drei Minuten in der Zukunft sind, einem Film zum Verhängnis.

Auch andere Filme aus den Produktionsjahren 2001 und 2002 sahen sich massiven Änderungen und Verschiebungen ausgesetzt. Im Science-Fiction-Film THE TIME MACHINE wurde beispielsweise Effektszene geschnitten, in der Trümmer des zerbrechenden Mondes ins World Trade Center einschlagen.


Wenn man mit der Brosnan-Ära ins Gericht geht, sollte man also bedenken, dass Brosnans Bond gleich zwei krasse weltpolitische Umbrüchen dramaturgisch zu bewältigen hatte: Das Ende des Kalten Krieges und 9/11. Alle anderen Darsteller hatten in ihrer Amtszeit noch nicht mal eine derartige Neuordnung der Geschichte.

Ohne diese, durch tragische Vorfälle nötig gewordenen Änderungen wäre DIE ANOTHER DAY sicher durchaus 'grittier' geworden, und hätte bereits einige Ansätze verfolgt, für die später die Craig-Filme gelobt wurden. Allerdings hoffe ich, dass man eine zugespitzte Konfrontation zwischen MI-6 und CIA irgendwann noch einmal umsetzt. Gerade mit Jeffrey Wright als Felix Leiter fände ich so ein Szenario sehr reizvoll.

Kommentare:

  1. tragisch. was für eine vergeudung...

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  2. Sehr interessanter Artikel! Danke!

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