Montag, 8. Juni 2015

Keine Sternstunde für das Empire

"Verrat an den Kosaken bei Lienz" (Sergej Korolkoff)
Vor sechzig Jahren ereignete sich die Lienzer Kosakentragödie, bei der die Briten über 20.000 Kosaken samt Familien nahe des österreichischen Lienz durch Verrat an die stalinistische Sowjetunion auslieferten und damit den grausamen Tod von Männern, Frauen und Kindern ermöglichten. Ein wenig bekanntes Kapitel des zweiten Weltkriegs, das ausgerechnet durch einen James-Bond-Blockbuster erstmalig filmisch thematisiert wurde und damit Eingang in die Populärkultur fand: Im 17. von Eon produzierten Bond-Abenteuer GOLDENEYE entpuppt sich der Gegenspieler als Sohn eines Lienzer Kosaken, der nach dem Verrat kollektiven Selbstmord beging. Ein Schicksal, das es so tatsächlich mehrfach gab.




In der Konferenz von Jalta im Februar 1945 wurde vereinbart, dass alle sich in westalliiertem Gewahrsam befindlichen Sowjetbürger an die Sowjetunion "repatriiert" werden sollten. Die Kosaken hatten auf Seiten der Deutschen gegen Stalin gekämpft, aber sie waren gemäß dem britischen Historiker Nicholas Bethell eigentlich gar als zu Repatriierende gemäß Jalta-Abkommen zu zählen, da sie Russland bereits um 1920 herum verlassen hatten. Bethell schreibt in seinem Buch "The Last Secret", dass sie den Briten lästig waren, weil sie ihrem Verbündeten so gefällig wie möglich sein wollten.

Die Briten entwaffneten die Kosaken mit der Lüge, dass sie für ihre Waffen keine Munition hätten. Anschließend wurden sie gewaltsam auf Lkw's und Eisenbahnwaggons getrieben und der Roten Armee ausgeliefert. Auf diesen Verrat hin spielten sich erschütternde Szenen ab. Flüchtlinge wurden von den Briten erschossen. Angesichts der zu erwartenden Vergeltung des Stalin-Regimes nahmen sich zahlreiche Offiziere samt ihrem Familien das Leben. Die Überlebenden wurden dann größtenteils tatsächlich von Exekutionskommandos hingerichtet.

Auch wenn man von einer Schuld der Kosaken-Offiziere ausgeht, da sie auf Seiten der Deutschen kämpften, nahmen die Briten unter Churchill hier aus reinem politischen Kalkül den grausamen Tod von tausenden Frauen und Kindern in Kauf. Ihr Verbündeter und Partner Stalin hatte sich zu diesem Zeitpunkt ebenso wie Hitler längst als massenmordender Psychopath entpuppt. Der in GOLDENEYE vom ehemaligen KGB-Agenten Zukovsky angefügte beschwichtigende Satz "Skrupellose Menschen, die verdient haben, was sie bekamen" trifft nicht auf Kinder zu. Es sei denn, man stimmt der stalinistischen Sippenhaftung zu.

Obwohl GOLDENEYE oft der Vorwurf eines zu glatten und steifen Blockbusters trifft, muss man sagen, dass man hier zum ersten Mal den Mut hatte, Bond mit den zahlreichen, wenig glorreichen Episoden des Empires zu konfrontieren. Bonds Reaktion "Nicht gerade eine unserer Sternstunden" zeigt eine Selbstreflexion, die man sich offenbar erst nach Ende des Kalten Krieges leisten konnte.

Leider ist der Hintergrund von Trevelyan nicht ganz schlüssig. Ursprünglich sollte er wesentlich älter und ein früherer Mentor von Bond sein. Es wäre glaubwürdiger und wirksamer gewesen, wenn Trevelyan das Massaker an der Drau als Kind selbst miterlebt hätte, und damit auch die Beteiligung der britischen Soldaten. Sean Bean ist allerdings erst 1959 geboren, 14 Jahre später. Deshalb deichselte man es so, dass Trevelyans Eltern Stalins Exekutionskommando überlebten, der Vater sich dann aber später aus Scham zusammen mit seiner Frau umbrachte. Wobei fragt man sich schon fragt, wieso Trevelyan dann nicht wenigstens einen der Satelliten über Moskau zündet.

Kommentare:

  1. Interessante zusammenhänge, Herr Funke. Eigentlich wird dieses Thema auch am Ende des Films noch einmal relevant. Treveljan fragt ironisch "Für England?" und Bond antwortet fest entschlossen "Für mich!". Dort macht Bond klar, dasser seinen gegner nicht für dessen Feindbild England zur Strecke bringt, sondern für sich selbst, da dieser ihn verraten hat und zu dem bösen 00-Agent wurde, der Bond nie sein wird. Bond tötet mit Treveljan also nicht nur einen Bösewicht, sondern auch quasi sein dunkel gespiegeltes gegenbild.
    --> einschränkend zustimmen, würde ich bei dem letzten absatz: bei dem Vorgängerfilm steht Bonds Verhältnis zum Empire aber gar nicht im Mittelpunkt, sondern seine persönliche Motivation, die in einigen szenen schon deutlich hinterfragt wird ("Es geht um mehr als ihre Vendetta").

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  2. Danke für den Kommentar! Stimmt, so gesehen ergibt das "Für mich" Sinn.

    Den letzten Absatz hab ich noch mal verändert. Ich denke, dass diese Art von Selbstreflexion ("All die Diktatoren, die wir gestürzt haben" etc.) auch erst nach der Wende möglich wurde, oder sogar nötig. In "Licence to Kill" werden die Zweifel Bonds an seinem Tun öfter mal angedeutet, aber für mein Empfinden nicht konsequent genug. Bond rächt sich auf eigene Faust und danach scheint einfach wieder die Sonne. Damit stellt sich der Film für mich ein bisschen in die Reihe mit Streifen wie "Ein Mann sieht rot". (Wobei ich schon zuegeben muss, dass ich solche Filme sehr gern sehe...)

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    1. Über Konsequenz und reflexion kann man bei "Lizenz zum Töten" ganz klar streiten. Ich finde, dass Daltons Darstellung hier sehr viel positives bewirkt. Auf dem Papier wird sicherlich nicht allzu viel selbstreflexion geboten, aber Daltons Mimik macht definitiv das Quäntschen mehr aus. Ich denke da nur an seine desillusionierte Reaktion nach der Aussprache mit Pam oder sein ermattetes Gesicht nach dem vollbrachten Rachefeldzug. das ist natürlich interpretation, aber Bond befindet sich hier durch Daltons Schauspiel im Zwiespalt der Gefühle. Das ist schon ein Unterschied zu den starren Betonschädeln der Siebziger wie Eastwood oder Bronson.
      Zu Trevelyan: ja, klar wäre er als älterer Mann für den historischen Hintergrund glaubhafter gewesen, dafür wär er aber zumindest vom Alter kein gleichwertiger gegner für ihn gewesen. Der Reiz des Films ist aber Bond gegen ein topfiten Kollegen antreten zu lassen. Ein Ausbilder hätte wohl eher wie Silva gewirkt. Zweifel an der Loyalität der Chefin sähen, aus dem Hintergrund agieren und den Lakaien den kampf mit Bond überlassen.

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  3. Die entscheidende Frage bei LTK wäre für mich: Wodurch wird einem Zwölfjährigen signalisiert, dass Selbstjustiz nicht cool ist. Die ermüdete Reaktion Bonds nach Sanchez' Tod ist da auf jeden Fall ein Punkt, wo der Film sich von anderen Streifen unterscheidet. Allerdings hab ich auch festgestellt, dass diese Reaktion auch anders interpretiert werden kann. Für manche wirkt es auch befriedigt. (Nicht meine Meinung, aber schon irgendwo gelesen.)
    In diesem Aspekt gefallen mir QOS und auch FYEO besser. QOS hat nicht dieses fröhliche Party-Ende. Man hat hier eher das Gefühl, dass Rache psychisch belastet, auch nachdem man sie vollbracht hat. In FYEO sieht man einen gereiften Bond, der den Verlust von Tracy verarbeitet hat und einer jüngeren Mitstreiterin den Rat gibt, dass man lieber zwei Gräber schaufeln soll, bevor man zur Rache schreitet.

    Klar ist der Reiz bei 006, dass er ein physisch gleichwertiger Gegner ist. Aber da muss ich gestehen, dass das auf mich nie so reizvoll gewirkt hat wie es in der Theorie klingt. Nachdem Ourumov erschossen ist, gibt es in GE für mich immer ein Vakuum, das dann niemand mehr wirklich ausfüllt. 006 macht dann ja schließlich auch dieselben Fehler wie die früheren, älteren Schurken. Wie zum Beispiel, Bond nicht einfach sofort und selbst zu erschießen, etc.
    Ein Mentor als Gegner wäre zwar auch wieder ein Gegner im väterlichen Alter gewesen, aber zumindest wäre der Vorteil hier, dass er Bonds Taktiken und Denkweise noch besser kennt als ein Kollege, weil er ihn ja ausgebildet hat. Bond hätte hier neue Qualitäten entwickeln müssen, um ihn zu besiegen. Und es hätte Bond auch mehr an seinem Job zweifeln lassen.

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    1. Hm, Sie werfen da wahrhaftig berechtigte Fragen auch. ironischerweise fand ich den Film auch schon immer als einen Rachethriller, der mit Thema aber recht ambivalent und bedingt kritisch umgeht. Da aber einige Zuschauer zu einem ganz anderem Ergebnis kommen, muss sich der Film dahingehend eher neutral oder interpretationsoffen halten. Hier haben es doe Macher es gescheut, sich klar zu positionieren. Für mich war immer ein Momentun entscheidend; Bond wirbelt durch seinen Egotrip jede Menge Staub auf. Das trifft zwar auch Fieslinge wie Krest, unterminiert aber auch die polizeiliche Arbeit. Durch ihn geht Pam beinahe drauf, auch wenn man es im Film so dreht, als würde er sie quasi vor den Leuten von Sanchez retten. Daher auch der folgende Streit. Dasselbe mit Sharkey, dem Mi6-Mann und den Hongkong-Agenten. Bond bringt durch seine Aktionen diese Personen in Gefahr oder zu Tode.
      Hätte Bond sich nicht eingemischt, hätte Pam möglicherweise Heller (inklusive Raketen) zur Aufgabe bewogen und die Hongkong-Agenten hätten Sanchez` Labore und Geschäftspartner ausgeforscht und den Laden irgendwann hochgehen lassen. So hat Bond das Kartell zwar schnell und kompromisslos zerschlagen, dabei aber auch den Tod von mindestens einem halben Dutzend Unschuldiger zu verantworten. Klar ist es immer ein alter Story-kniff, dass weitere Tote die Entschlossenheit des Helden steigern und legitimieren sollen. Aber es klingt im Film schon an, dass Bond aus purem Rachedurst schwerwiegende Fehler begeht. Das bringt Dalton gut rüber; er ist für mich neben Lazenby der menschlichste Bond. Craig hin oder her. Aber man kann den Film sehr ambivalent deuten, wegen der Mutlosigkeit der Macher; die aber trotzdem ein wagnis mit dem Filmthema eingingen.

      was 006 betrifft habe ich das noch nie so gesehen, muss aber eingestehen, dass Ihre Sicht der Dinge sehr überzeugend wirkt. Ein Ausbilder wäre schon reizvoll gewesen, zumal mal etwas über die 00-Ausbildung und andere Kollegen erfahren hätte. Bei genauerem Nachdenken verliert Trevelyan wirklich immer mehr an Strahlkraft je weiter der Film voranschreitet. Interessant finde ich auch Ihre Meinung zu dem Tode der ganzen Janus-Gruppe. Das fand ich auch immer komisch. Der General wird mal nebenbei abgeschossen und die Oberkillerin mal eben in einem miniklimax vor dem Finale verheizt. Dann dieser alberne Hacker, der wie eine schlechte WoodyAllen-Karikatur wirkt (Boris Grushenko- toller gag). trevelyan wird am Ende doch recht schnell überlistet. Da ist es schon unglücklich, dass Goldeneye keine Gefahr mehr darstellt, als es zum zweikampf der Exkollegen kommt. Dann wäre mehr drin gewesen.

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  4. Das Bond mit seiner Racheaktion anderen in die Quere kommt, bzw. sogar die Ermittlungen gegen Sanchez behindert und Menschen in Gefahr bringt, ist natürlich ein Punkt, den man berücksichtigen muss. Dadurch wird zumindest deutlich, dass nicht alle korrumpiert sind und Sanchez machen lassen, so wie es am Anfang scheint. Hab ich so noch gar nicht gesehen.

    Irgendwo hab ich auch mal eine Meinung von Michael G. Wilson über LTK gelesen. Seiner Auffassung nach sollte Bond am Ende des Films zu der Erkenntnis gekommen sein, dass seine Professionalität und seine Loyalität zum MI-6 auch ein Schutz vor Fehlentscheidungen ist. Das heißt, er lernt in LTK auch eine Lektion für sich.
    Umso toller wäre es gewesen, um 1991 herum einen dritten Dalton-Bond zu sehen, in dem auf LTK Bezug genommen wird. Vor allem das Verhältnis zwischen ihm und Robert Browns M wäre interessant gewesen. Man hätte eine Story basteln können, in der Bond und M sich wegen der Vorkommnisse verantworten müssen und suspendiert werden, oder ähnliches. Und Bond kämpft dann noch einmal um die Ehre von M. Hätte ein daltoniges Skyfall/Spectre werden können.

    Mein Hauptproblem mit 006 ist auch irgendwie, dass man ihn am Ende in so einem typischen Schurkenversteck agieren lässt, wenn man ständig irgendwo einen älteren Herren im Drehsessel erwwartet. Einem Doppelnullagenten hätte ich irgendwie einen anderen Plan gegeben, eher so ein Intrigenspiel á la FRWL.

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