Donnerstag, 1. Oktober 2015

TRIGGER MORTIS - Der Finger Gottes

Rezension des neuen James-Bond-Romans von Anthony Horowitz

TRIGGER MORTIS -  Der neue James-Bond-Roman von Anthony Horowitz2015 ist nicht nur das Jahr des großen SPECTRE-Revivals. Auch SMERSH kehrt zurück, Bonds ursprünglicher Erzfeind, der seine erste Liebe Vesper Lynd auf dem Gewissen hat und ihn zu dem machte, was er ist - In der Welt der Romane, Bonds Heimatmedium. Während man im neusten Bondfilm an ein Vermächtnis anknüpft, die 1961 mit dem Roman Feuerball begann, setzt der Roman TRIGGER MORTIS - Der Finger Gottes da an, wo Goldfinger 1959 aufhörte. Der britische Schriftsteller und Drehbuchautor Anthony Horowitz schreibt SMERSH das würdige, furiose Finale, das Ian Fleming ihnen vorenthielt.

Horowitz bewegt sich dabei mit einer beeindruckenden Mühelosigkeit in der Welt Ian Flemings und schafft es, sein Buch in der Vergangenheit anzusiedeln und trotzdem zeitgemäß und spannend zu sein. Wo Sebastian Faulks und William Boyd nur 005 und 006 waren, ist TRIGGER MORTIS ein wahrhaftiger 007.


Wobei man fairerweise sagen muss, dass Anthony Horowitz etwas mehr Starthilfe hatte als Faulks und Boyd, da er auf bisher unveröffentlichtes Fleming-Material zurückgreifen konnte. Und zwar in Form einer Folge, die Fleming für eine nie realisierte Fernsehserie schrieb. Deren Titel, "Mord auf Rädern", übernahm Horowitz als Kapitelüberschrift. Auch das Briefing zwischen Bond und M stammt wortgetreu aus diesem Material. Mit TRIGGER MORTIS - Der Finger Gottes hat man also auch ein Stück nie gesehenen Fleming in den Händen. Ein Traum für jeden Fan des literarischen Bond.

Dabei geht es sich um einen Anschlag während eines Formel-1-Rennens am Nürburgring, geplant von den finsteren Sowjets. Dieser Part ist sehr spannend und für deutsche Leser amüsant. Bond kommt hier drei Jahre vor seinem Berlin-Trip in The Living Daylights nach Köln, Nürburg und Bad Salzuflen.

Der Nürburgring - Schauplatz des Bondromans TRIGGER MORTIS
Die "grüne Hölle" des Nürburgrings - eine der gefürchtetsten
Rennstrecken, a
uf der 1976 Niki Lauda verunglückte
Natürlich mag Bond Deutschland nicht besonders, und natürlich residiert der Bösewicht in einem deutschen Wasserschloss. Immerhin ist er Koreaner. Und ein echter Schurke in Flemings Sinn. Ähnlich wie Jefferey Deaver gelingt es Horowitz, einen faszinierend düsteren Gegenspieler zu kreieren. Er zwingt seine Opfer zu einem makabren Spiel, dem auch Bond fast auf grausame Weise zum Opfer fällt. Diese Begegnung zwischen Bond und dem Schurken des Buches fand ich hervorragend und ganz im Stile Flemings geschrieben. Gegenspieler, die Bond in ebenso skurrile wie grausame 'Schlangengruben' werfen, aus denen er nur mit Mühe und Cleverness entkommen kann, sind ein Aspekt, den ich bei Bond sehr schätze. Anthony Horowitz' eigene morbide Ader war dafür offenbar hilfreich. Wie er in Interviews erzählte, schenkte ihm seine Mutter zu seinem 13. Geburtstag einen echten, menschlichen Totenschädel.

Neben Deutschland sind die Vereinigten Staaten der Hauptschauplatz, was mir ebenfalls sehr gefällt. Fleming war so fasziniert von den Staaten der späten Fünfziger und frühen Sechziger, und vor allem von den Gangsterbanden und Mafiastrukturen dort, dass er Bond mit Live and Let Die, Diamonds Are Forever und Goldfinger gleich dreimal dorthin schickte. 007 in einem riesigen Straßenkreuzer oder in einem Diner am Highway speisend ist bondtypischer als man denkt.

Zeitlich ist TRIGGER MORTIS wie bereits angedeutet 1957 angesiedelt, fast genau in der Mitte der Zeitlinie der Originalromane. In dieser Zeit zwischen Goldfinger und Feuerball spielen auch einige Kurzgeschichten, wie Risico oder Quantum of Solace. Das ist insofern sehr interessant, dass Bond hier tatsächlich etwas Zeit für einen größeren Auftrag gehabt hätte. Es ist mit dem Sputnik-Schock auch das Jahr, in dem der Startschuss für das 'Space Race' gegeben wurde, was der Roman ebenfalls sehr clever benutzt.

Was Anthony Horowitz besser als seinen Vorgängern gelingt, ist zum einen das Einarbeiten von kleinen Remineszenzen an frühere Abenteuer. Angefangen natürlich mit dem Auftritt von Pussy Galore, der sich nicht nur auf einen reinen Maketing-Gag beschränkt, sondern einige sehr amüsante Szenen erzeugt. Überhaupt wirken die Sequenzen, die Bonds Alltag in seiner Wohnung und im MI6-Gebäude zeigen, ebenso plastisch und amüsant wie in Moonraker oder Thunderball.

Zum anderen schafft es Horowitz, wie bereits eingangs erwähnt, einen reinrassigen Pulp-Thriller im Geiste Ian Flemings zu schreiben, trotzdem aber auch aktuell und zeitgemäß zu sein. Dafür muss er seinen Bond nicht wie William Boyd plakativ durch afrikanisches Elend stolpern lassen, dass weder auf ihn noch auf die Geschichte größeren Einfluss hat. Auf eine hintergründige Art könnte man TRIGGER MORTIS beispielsweise auch als einen Kommentar zu den Auslösern des modernen Terrorismus sehen.

Es gelingt Horowitz sehr gut, die Atmosphäre der vor einem halben Jahrhundert geschriebenen Bücher einzufangen, er beschränkt sich aber auch nicht nur darauf. Der Grundton vieler Kritiken - 'der typische Bondzirkus, die simpel gestrickten Fans werden es sicher lieben' - trifft es also nicht wirklich. 

Die obligatorische Frage lautet wohl: Ist TRIGGER MORTIS - Der Finger Gottes der beste Bondroman, der nicht von Fleming selbst geschrieben wurde? Die beiden größten Konkurrenten für diesen Rang wären für mich Colonel Sun und Carte Blanche. Ersterer hat allerdings im dritten Akt keine allzu großen Überraschungen mehr parat, während es Letzterer mit den Überraschungen manchmal übertreibt und dieser etwas zu routiniert angewendeten Strategie auch im Finale einiges opfert. Dagegen hält TRIGGER MORTIS - Der Finger Gottes sein Niveau bis zum Ende und liefert einen spannenden Showdown, der - wie eingangs erwähnt - auch SMERSH noch einmal auf der Höhe ihres perfiden Planungsgenies zeigt. 

Das Buch hat für mich durchaus einen Anspruch auf den ersten Platz der 'Continuation novels'. Für Freunde des Ur-Bonds ist es zumindest eine ganz klare Empfehlung!

JAMES BOND: TRIGGER MORTIS - DER FINGER GOTTES

Anthony Horowitz
13,5x20,5, PB, sw, 380 Seiten, Preis: 16,99 
ISBN 978-3-86425-774-2

CROSS CULT Verlag 2015

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