Sonntag, 16. September 2018

Mord unter'm Mangobaum

                                                         "Underneath the Mango Tree
                                                 Me honey and me make boolooloop soon."
                                                                                   (Under the Mango Tree, Diana Coupland)

Bond-Marathon #001: DR. NO (1962)

Nach der TV-Verfilmung von Casino Royale geht es nun endlich richtig los mit dem Marathon durch die Bondgeschichte, mit DR. NO (James Bond 007 jagt Dr. No) aus dem Jahr 1962. Zum Film und den zeitgeschichtlichen Hintergründen hatte ich mich bereits hier schon einmal ausgelassen. Für diesen Marathon habe ich mir ein spezielles Bewertungssystem erstellt, das ich an jeden Film anlege und dadurch zu einer hoffentlich weniger subjektiven Bewertung komme, als das normalerweise der Fall ist. Es orientiert sich an der gymnasialen 15-Punkte-Bewertung. Zum Teil habe ich die Filme jetzt seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr gesehen und freue mich sehr darauf. Ich sehe sie auf Bluray und im Originalton.




Dr. No kulinarisch

Obwohl im Film gespeist wird, ist nicht genau erkennbar, um was es sich dabei handelt. Im Restaurant von Pussfeller meint Bond zum Wirt, dass er hoffentlich besser kochen als kämpfen kann. Das scheinen Bond, Felix Leiter und Quarrel auch auszuprobieren, aber man erkennt nicht, womit Pussfeller seine Ehre verteidigt. Auch später beim Dinner mit Dr. No kommt nicht mehr auf den Teller als ein paar Weintrauben. Bond hat wohl aus diesem Fehler, mit leeren Magen in den finalen Kampf zu gehen, gelernt, und so fallen spätere Dinner mit Gegenspielern etwas gehaltvoller aus.

In Bezug auf Spirituousen gibt es hier natürlich den in allen Filmen präsenten Champagner. Hier ein '55er Dom Pérignon, wobei Bond den '53er bevorzugt. Klar, denn aus diesem Jahr stammt der erste Bondroman Casino Royale. Für einen Bluray-Abend ist so eine Flasche aber dann doch etwas preis-intensiv. Günstiger ist da schon der trockene Martini, den sich Bond in seinem Hotel in Jamaika zubereiten lässt, mit Martini, Smirnoff Vodka und einer Scheibe Limone. Auch Miss Taro hat später natürlich eine Flasche Smirnoff in ihrem Apartment stehen, wie es sich für Frauen von Welt gehört.

Das berühmte jamaikanische Bier Red Stripe ist vor allem in Pussfellers Restaurant präsent. Obwohl Bond es auf der Leinwand nicht trinkt, hat es doch literarische Tradition. Im Roman The Man With The Golden Gun trinkt Bond im Dreamland Café ein Red Stripe, während er auf Scaramanga wartet. Berühmt wurde ein Foto von den Dreharbeiten zu DR. NO, das Sean Connery schlafend inmitten leerer Red-Stripe-Flaschen zeigt. Auch Ian Fleming trank dieses Bier bei seinen Goldeneye-Aufenthalten sehr gern.

Im Vorfeld: Auf welche Elemente freue ich mich? Auf welche nicht? 
Dazu zählt ganz klar die klassische Atmosphäre, die noch sehr stark den Geist der Roman-Vorlage atmet. Männer mit Anzügen, Hornbrillen und Kopfhörern, die im Londoner Hauptquartier sitzen und den Äther rund um die Erde abhören, Sekretärinnen, die Aktenstapel herumtragen und natürlichen die allgegenwärtige atomare Gefahr. Dazu Jamaika, die klassisch-kultigen Ersten Male in der Bondgeschichte, Ken Adams hier schon phänomenale Kulissen und die ernsthaft und nüchtern vorwärtsstrebende Geschichte.

Weniger Vorfreude lösen einige Längen in der Story aus, die teilweise noch etwas zu nüchtern und schnörkellos wirken.

Wie ist das Verhältnis von positiven zu eher negativen Elementen unmittelbar nach dem Film?
Besser als befürchtet! Vor allem auf Bluray gibt es immer wieder neue Details zu entdecken. So ist mir beispielsweise noch nie aufgefallen, dass man in der blauen Fläche über der vergitterten Luke im Tarantelraum eine Kante sieht, und es dadurch nicht mehr wie blauer Himmel wirkt. Durch Connerys Spiel, die fast eins zu eins aus dem Roman übernommene Geschichte und das kultige Ambiente macht der Film einfach Spaß.

Die Längen sind allerdings trotzdem immer wieder spürbar. Vor allem zwischen Bonds Treffen auf Honey Ryder und dem Betreten von Dr. Nos Hauptquartier verliert der Film etwas an Tempo. Das liegt zum Teil wohl auch noch an der noch eher sparsamen musikalischen Untermalung.

Bewertungen:

Einführungssequenz / Vortitelsequenz: 9/15
Titelmusik: 9/15
Titelanimation: 9/15
Symbiose aus Musik und Animation: 8/15

Von einer Vortitelsequenz kann man hier noch nicht sprechen. Aber durch den Überraschungsmoment mit den drei blinden Männern und die kaltblütigen Morde hat die Eröffnungsszene Spannung und einen gewissen Schockmoment, und macht Lust auf den Film.
Die Titelanimation mit der Gunbarrel und den Punkten ist ikonisch. Was mich allerdings immer ein bisschen irritiert hat, ist die Aufteilung in drei verschiedene Musik- und Animationsstile.

Einführungsszene von Bond: 15/15
Einführungsszene des Haupt-Bondgirls: 15/15
Einführungsszene des Gegenspielers: 13/15
Einführungsszene des Haupt-Henchman: 8/15

Die ersten drei Introduktionsszenen sind an Ikonographie und Coolness kaum zu überbieten. Der Auftritt von Honey kommt recht spät im Film, dafür aber mit Ausrufezeichen. Als zentralen Helfer des Bösen kann man hier wohl am ehesten Professor Dent bezeichnen. Wirklich ikonisch und historisch wird es bei dem Punkt erst mit dem nächsten Film.

Darstellung von James Bond: 15/15
Gibt es Szenen, in denen Bond weniger sympathisch erscheint? Im Zusammenspiel mit Quarrel wirkt sein Ton etwas herrisch und herablassend.
Darstellung des Gegenspielers: 12/15
Joseph Wiseman spielt sehr gut und wird innerhalb der Serie leider immer etwas übersehen. Auf Bluray fallen seine nicht ganz perfekt aufgeklebten Augen-Applikationen auf, die ihn orientalisch aussehen lassen sollen. Trotzdem insgesamt sehr sinister und kultiviert. Ssssssspectre!
Henchman: 9/15
Der hitchcock-erprobte Anthony Dawson ist sehenswert und solide, wirkt aber auch nie wie ein wirklich herausfordernder Gegner für Bond.
Bondgirl: 11/15
Abgesehen von der filmhistorisch natürlich herausragenden Bedeutung hat mich Honey Ryder jetzt nie soo sehr angemacht.

Briefing-Szene: 15/15
Moneypenny-Szene: 14/15
Q-Szene: 8/15

Dramaturgische Struktur

Ist das auslösende Ereignis stark und interessant genug? 12/15
Hält der Film durchgehend eine gewisse Grundspannung aufrecht? 6/15
Finale allgemein: 11/15
Gibt es eine Steigerung des Sensationswertes bis hin zum Finale, das alles andere überschattet?
13/15
Endkampf Bond - Henchman: 15/15
Hier die berühmte Szene mit Dent. And you've had your six.
Endkampf Bond - Schurke: 13/15
Bond und No auf dem sich absenkenden Reaktor ist für den Anfang schon sehr cool.
Wirkt die Auflösung nach dem Finale befriedigend? 12/15
Ist Bonds ermittlerische Vorgehensweise glaubwürdig und zielführend? 14/15
In fast schon klassischer Weise. Wobei der Film auch ein sehr klassisches Strickmuster verwendet, das ich in Anlehnung an Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde immer Arne-Saknussemm-Prinzip nenne. Ein Vorgänger des Helden hat es fast bis zum Ziel geschafft, bevor er umgekommen ist, und hat sozusagen Wegmarken hinterlassen. Das schafft zum einen ein Muster, dem der Held folgen kann, und liefert gleichzeitig einen großen Spannungsmoment gegen Ende, wenn der Held die Schwelle passiert, die seinem Vorgänger zum Verhängnis wurde.
Dr.-No-Wiedergänger LIVE AND LET DIE benutzt dieses Prinzip ebenfalls und gleich in dreifacher Ausführung, ebenso OCTOPUSSY.

Allgemein

Bond-Feeling: 11/15
Fleming-Feeling: 15/15
Humor: 10/15
Spannung: 9/15
Logik/Schlüssigkeit der Story: 9/15
Punkt-Abzüge gibt es hier vor allem bei No's Plan, mit Atomenergie irgendwie Weltraumraketen zu manipulieren. Auch der von Bond ausgelöste GAU ist nicht so ganz schlüssig. No's Mord an einem MI6-Agenten, der weder als Unfall noch als Durchbrennen getarnt ist, ist jetzt auch nicht so überlegen genial. Die entsprechenden Akten hätte auch Miss Taro verschwinden lassen können.

Produktions-Design: 15/15
Die gesamten Interieurs von Dr. No's Anlage finde ich immer wieder faszinierend und herausragend.
Spezialeffekte: 8/15
Stunts: 10/15
Bildgestaltung: 12/15

Musik

Monty Normans Score ist am Beginn der Reihe natürlich noch nicht so ausgereift, und schwer mit dem später etablierten Sound zu vergleichen. Aber ich mag Stücke wie Dr. No's Fantasy. Der Calypso Under the Mango Tree passt perfekt zum karibischen Ambiente, und vor allem zur ersten Begegnung mit Honey unter den schattigen Bäumen der Insel.

Allgemein: 8/15


Fazit - Gewonnen oder verloren?

In der Bestenliste gefühlt ein paar Positionen aufgestiegen. Wie in keinem anderen Bondfilm hat man hier fast eins zu eins die Atmosphäre von Flemings Romanen. Natürlich auch hier schon mit kleinen filmischen Anpassungen, die aber vergleichsweise gering ausfallen. Das hier ist wirklich noch Bond pur, unplugged und ohne industrielle Geschmacksverstärker.

Ein Reiz des Films ist natürlich die im Hintergrund dokumentierte Atmosphäre der Welt Anfang der Sechziger, die aus heutiger Sicht zu einem nostalgisch verklärten Lächeln einlädt. Aber wenn man die Patina beiseite wischt, ist DR. NO ein für die Zeit erstaunlich hartgekochter Thriller. Der kaltblütige Mord an Strangways und vor allem seiner Sekretärin am Anfang sowie die berühmte Szene, in der Bond dem bereist wehrlosen Dent in den Rücken schießt, wirken auch heute noch. Solche Szenen kannte man bis dato nur aus den B-Produktionen der Schwarzen Serie, nicht aus einem Hochglanz-A-Picture. Sie machen den Film auch heute noch sehenswert und spannend. Der Film selbst ironisiert diesen Kontrast oft, beispielsweise wenn der putzige Three-Blind-Mice-Calypso die drei Killer einführt.

Gefühlt: 11/15
Errechnet: 11,09/15

Also 75 % und eine runde 2 mit leichter Tendenz zur 2+: Die Leistungen entsprechen den Anforderungen voll.




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