Samstag, 22. Dezember 2018

Reflektionen in einem doppelten Bourbon

                                                  "Such a cold finger
                                             beckons you to enter into his web of sins."
                                                                    (Goldfinger, Shirley Bassey)


Bond-Marathon #003: GOLDFINGER (1964)

James Bond 007 - Goldfinger, Mint JulepNach DR. NO und FROM RUSSIA WITH LOVE nun der dritte Connery-Streich GOLDFINGER. Der sicher ikonischste Bondfilm von allen, bei dem praktisch jede Szene und jeder Dialog berühmt geworden ist. Dementsprechend schwierig ist es, sich diesem Werk so unverstellt wie möglich zu nähern und ihm neue Aspekte zu entlocken. Auf dieser Seite hier habe ich noch gar nicht viel zu GOLDFINGER geschrieben. Eine tiefergehende Analyse des Klassikers hatte ich 2014 für das Magazin des James-Bond-Cub Deutschland, gunbarrel, verfasst, das ich nur empfehlen kann.



GOLDFINGER kulinarisch

Ian Fleming - Goldfinger, Reflections in a Double BourbonBereits Ian Flemings Roman beginnt recht spirituell, mit Reflections in a double bourbon: James Bond hatte zwei doppelte Bourbons intus, saß in der Abflughalle des Flughafens von Miami und grübelte über Leben und Tod nach. Den Tötungs-Auftrag an einen mexikanischen Drogendealer, über den er hier grübelt, sieht man im Film natürlich in allen Details. Und anders als im Buch bezeichnet er den Tod des capungo zwar als "shocking", lässt sich davon aber in keinster Weise emotional berühren.

Bereits in dieser kleinen Änderung von Ian Flemings Buchvorlage zeigt sich die endgültige Eigenständigkeit des Film-Bonds, und der Weg, den er in den nächsten 50 Jahren einschlagen wird.

Zum Briefing später im Film serviert M einen seiner besten Cognacs. Meint er zumindest. Bonds unverblümte Taktlosigkeit, die er Frauen und Schurken gegenüber an den Tag legt, macht auch vor seinem Boss nicht Halt: Ich würde sagen, das ist ein 30 Jahre alter, mittelmäßig verschnittener Cognac mit etwas zu viel Bons Bois. (So ein 30 Jahre alter Cognac ist dementsprechend natürlich auch für die Filmsichtung nicht gut genug.)

Auf seinem Gestüt präsentiert Auric Goldfinger sein Hausgetränk: den Mint Julep. Einer der ältesten Cocktails der Welt und das traditionelle Getränk des Kentucky Derby, bestehend aus Minze, Bourbon Whiskey, Crushed Ice und Zuckersirup. Goldfinger hat es nicht nötig, Bond einen Wodka Martini zu kredenzen, sondern präsentiert ihm einfach seinen eigenen 'signature drink'. Ein schönes Charakteristikum dieses wunderbar coolen Schurken.


Im Vorfeld: Auf welche Elemente freue ich mich? Auf welche nicht? 
Da ist an erster Stelle das schauspielerische Duell zwischen Sean Connery und Gert Fröbe, an dem ich mich nie satt sehen kann. Und natürlich der unglaublich pointierte visuelle und sprachliche Ideenreichtum. Das reicht eigentlich schon für die einsame Insel.
Aber ein bisschen steht dem Film manchmal auch sein eigener Kult im Weg. Man kennt vieles noch mehr auswendig als bei anderen Bondfilmen. Nicht zuletzt, weil er auch innerhalb der Serie selbst exzessiv gewürdigt wurde. Auch interpretationstechnisch wurde er so oft behandelt, dass man selten einen wirklich neuen Aspekt ausmacht.

Wie ist das Verhältnis von positiven zu eher negativen Elementen unmittelbar nach dem Film?
Auf den Film hatte ich wegen letzteren Aspekt weniger Lust als auf die beiden Vorgänger, aber er zog mich trotzdem in seinen Bann und ließ mich an all den entsprechenden Stellen schmunzeln. Er funktioniert einfach immer und immer wieder.


Bewertungen:

Einführungssequenz / Vortitelsequenz: 14/15
Titelmusik: 15/15
Zum ersten Mal hört man kein instrumentales Thema, sondern die Stimme des Interpreten. Und was für eine.
Titelanimation: 14/15
Symbiose aus Musik und Animation: 14/15

Einführungsszene von Bond: 14/15
Ikonisch! Wird für mich nur ein wenig getrübt durch diese Ente auf dem Kopf.
Einführungsszene des Haupt-Bondgirls: 14/15
Einführungsszene des Gegenspielers: 14/15
Einführungsszene des Haupt-Henchman: 15/15
Erst als Silhouette, dann in Person, mit einem schlichten metallischen Klingen.



Darstellung von James Bond: 15/15

Gibt es Szenen, in denen Bond weniger sympathisch erscheint? Die berüchtigte Verführung/Nötigung von Pussy ist natürlich streitbar. Allerdings hat mich das insofern nie wirklich gestört, dass sich durch das Spiel und die Neckereien schon vorher eine gewisse Chemie zwischen beiden abzeichnet, und ich den Kuss einfach ebenfalls als eine Art rabiaten Flirt zwischen Profis sehe. Wir sehen hier keine schwache, wehrlose Frau, die alles nach dem Kuss nicht zu verhindern wüsste; außerdem hat Bond sie schon vorher zum Nachdenken gebracht. In dem Punkt ist der Film auch deutlich geschickter als der Roman.
Darstellung des Gegenspielers: 15/15
Bester Bondgegenspieler aller Zeiten, hands down.
Henchman: 15/15
Güteklasse A-A.
Bondgirl: 10/15
Pussy ist als Charakter sehr stark, hat mich aber jetzt nie so sehr vom Hocker gehauen.
Helfer: 4/15
Felix Leiter ist hier mehr Onkel als Bruder vom CIA. Nach dem sehr starken Jack Lord nahm man dem Charakter damit leider nachhaltig seine Relevanz und Stärke. Er war Regisseur Guy Hamilton im Gegensatz zu Terence Young offenbar ziemlich egal, wodurch sich schon die sehr unterschiedliche Herangehensweise beider Regisseure zeigt.

Briefing-Szene: 14/15
Moneypenny-Szene: 13/15
Q-Szene: 15/15
Die Ur-Q-Szene. Während Hamilton zu Felix Leiter nicht viel einfiel, hat er Q im Gegensatz zu Young mit einem genialen und immerwährend funktionierenden Profil ausgestattet. Q's stetige Genervtheit macht aus seinen Szenen wesentlich mehr als sachliche Exposition und verwandelt sie in eigene kleine Gag-Feuerwerke.


Dramaturgische Struktur

Ist das auslösende Ereignis stark und interessant genug? 14/15

Als auslösendes Ereignis sehe ich hier die Begegnung mit Goldfinger, die mit dem bizarren Mord an Jill endet. Das trifft Bond auf einer persönlichen Ebene und kratzt empfindlich an seinem Selbstverständnis. Hier wird klar, dass das ein Duell auf Augenhöhe wird, egal worum es am Ende geht.
Hält der Film durchgehend eine gewisse Grundspannung aufrecht?  14/15

Finale allgemein: 15/15
Ähnlich wie bei DR. NO kann ich mich hier nicht an Ken Adams visuellen Einfällen satt sehen. Dazu kommt die clevere Inszenierung und Oddjobs Bedrohlichkeit.
Gibt es eine Steigerung des Sensationswertes bis hin zum Finale, das alles andere überschattet? 15/15

Endkampf Bond - Henchman: 15/15

Endkampf Bond - Schurke: 14/15
Kleiner Punktabzug durch die nicht ganz überzeugende Tricktechnik und den Schnitt-Fauxpax mit den gefesselten Piloten.
Wirkt die Auflösung nach dem Finale befriedigend? 13/15
Ist Bonds ermittlerische Vorgehensweise glaubwürdig und zielführend? 13/15
Bond ist in dem Film auffallend lange passiv und in Goldfingers Gewalt. Was mich auch nie gestört hat. Trotzdem ist seine Vorgehensweise, die Wache auszutricksen und eine Nachricht mit dem Homer zu verschicken, clever. Das 'Umdrehen' von Pussy wirkt aus heutiger Sicht natürlich etwas fragwürdig.

Allgemein

Bond-Feeling: 15/15
Fleming-Feeling: 12/15
Hier kippt das Verhältnis filmischer Bond zu literarischer Bond erstmals deutlich, und das Filmbond-Feeling definiert sich durch zum Teil klare Abgrenzungen und Eigenheiten.
Dialoge / Humor: 15/15
Spannung: 14/15
Logik/Schlüssigkeit der Story: 11/15
Hier wurde schon Einiges teilweise zu Recht bemängelt, physikalisch wie psychologisch.

Produktions-Design: 15/15
Wie Adam bei Fort Knox die reale Vorlage in einen dezent phantastischen Raum übergehen lässt, ist einfach grandios. Ebenso der Rumpus Room mit seiner Holz-Stein-Thematik.
Spezialeffekte: 9/15
Action / Stunts: 13/15
Bildgestaltung: 15/15

Drehorte: 11/15
Lokalkolorit: 13/15
Kombination: 13/15

Hotel Belvedere, Furka-Pass, Goldfinger-Drehort
Der Autor am Hotel Belvedere 2011
In puncto Locations erreicht der Film für mich ähnlich wie die Darstellung Leiters keine Höchstnoten. Von allen Bondfilmen der 1960er ist GOLDFINGER am wenigsten exotisch. Die Schweiz wirkt auf das europäische Publikum ebenso wenig faszinierend fremdartig wie Kentucky auf das Amerikanische. Viele Schauplätze - wie Golfplatz, Fabrikgelände, Ranch, US-Kleinstadt mit Fast-Food-Restaurant, Schrottplatz - wirken nicht so sehr aus sich selbst heraus, sondern durch die clevere, ideenreiche Handlung. Auch beim Mexiko der Vortitelsequenz beeindrucken eher Ken Adams Innenkulissen.
In ihrer Ländlichkeit passen aber sowohl Schweiz als auch Kentucky zusammen ziemlich gut zur hemdsärmeligen Art von Goldfinger. Und an sich versprühen sie auch passendes und glaubwürdiges Lokalkolorit.


Musik

Die Qualität der Musik ist wie die des ganzen Films so gut, dass sie sich gleich selbst feiert. Der Titelsong ist eine akustische Ikone, und die Instrumentalversion des Liedes ist mein Lieblings-Instrumentalstück des gesamten Franchises. Barry entwickelt eine ebenso schlichte wie wirkungsvolle Klangfolge für Oddjob. Auch die Untermalung der Operation Grand Slam hat etwas triumphierend-stolzes, das sich John Barry im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten aber auch leisten konnte.

Titelsong: 15/15

Allgemein: 15/15


Fazit - Gewonnen oder verloren?

Ian Fleming starb während der Dreharbeiten und konnte die Premiere und damit den endgültigen Triumph seiner Schöpfung nicht mehr miterleben. Und ironischerweise wirkt die Schöpfung hier erstmals völlig eigenständig und emanzipiert sich teilweise deutlich von den Intentionen Flemings. Guy Hamiltons Film interessiert sich im Gegensatz zur Interpretation von Terence Young keine Sekunde lang für den ernsthaft ermittelnden, teils hadernden Geheimagenten James Bond, der bei einem doppelten Bourbon seine schmutzige Arbeit reflektiert. Dieser Bond geht wie ein Lötkolben durch Butter.

Bond ist hier erstmals vollständig auf Timing und Effekt ausgerichtetes Spektakel. Für ein ausgiebiges Durchsuchen des Hotelzimmers nach Wanzen, wie es Young mit dem Bondthema im Hintergrund gezeigt hat, ist hier keine Zeit mehr. Dementsprechend macht der Film aber auch immer wieder Spaß.

Punkte, die mir das Filmvergnügen eigentlich wenig trüben - wie etwa der eher mäßig rüberkommende Felix Leiter - hinterlassen rechnerisch natürlich Spuren, so dass die gefühlt runde 14 mit Tendenz zur 15 dann nur eine 13,52 ergibt. 

Gefühlt: 14/15
Errechnet: 13,52/15

Also 85 bis 90 % und Tendenz zur glatten 1: Die Leistungen entsprechen den Anforderungen in besonderem Maße.


James Bond will return in




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen