Dienstag, 22. Januar 2019

Höhenflüge unter Wasser

                                                     "His days of asking are all gone.
                                             His fight goes on and on and on."
                                                                                   (Thunderball, Tom Jones)


Bond-Marathon #004: THUNDERBALL (1965)

Von DR. NO über FROM RUSSIA WITH LOVE zu GOLDFINGER hatte es in Bezug auf die Weiterentwicklung fast aller filmischen Mittel jedesmal einen bedeutenden Sprung gegeben. Mit THUNDERBALL erreichte man in Bezug auf Aufwand und Größe einen Höhepunkt, den man in mancherlei Hinsicht nie wieder erreichte. Für viele Kritiker war das technische Spektakel aber auch zu viel des Guten. Auch für mich ist THUNDERBALL ein Film, mit dem ich irgendwie nie so richtig warm wurde. Dabei hat er eigentlich alles: Wunderbar verspielte Ken-Adam-Kulissen und -Gadgets, John Barry, wahrhafte Überlebensgröße, Sixties-Atmosphäre und jede Menge Exotik. Und eigentlich liebe ich auch diesen ganzen Unterwasser-Stuff.

Was also stimmt nicht - entweder mit mir oder mit dem Film? Bei jeder Sichtung versuche ich, das herauszufinden. Ob es diesmal klappt?




THUNDERBALL kulinarisch

Ähnlich wie im Vorgänger hat der Schurke ein Hausgetränk, das er Bond anbietet: den Rum Collins. Es ist eine Abwandlung des klassischen Tom Collins, ein Cocktail, der vom Briten John Collins im 19. Jahrhundert in einer Londoner Taverne entwickelt und mit Old Tom Gin zubereitet wurde. Insofern eine dezent provokante Wahl von Largo: Er bietet Bond ein ur-britisches Getränk an, bei dem der Gin allerdings durch Rum ersetzt wurde.

Rum entstand im 17. Jahrhundert in der Karibik und geht auf das Wort rumbullion (großer Tumult) zurück. Rumfässer gehörten zur Beute von Piratenkapitänen wie Blackbeard, die zwischen der US-Küste und den Bahamas operierten. Insofern das perfekte Getränk für diesen Film. Der Rum Collins besteht aus zwei Teilen Rum, ein Teil Zitronensaft, Zuckersirup und Eis. Alternativ kann auch Puderzucker und Limettensaft verwendet werden.

Zusammen mit Felix Leiter und dessen angeschlagenen Magen gönnt sich Bond ein Mixgetränk mit Cinzano Rosso. Die genaue Zusammensetzung wird nicht erwähnt. Vielleicht ein Americano. Mit Domino gibt es den üblichen Dom Perignon und Beluga Kaviar.


Im Vorfeld: Auf welche Elemente freue ich mich? Auf welche nicht? 
THUNDERBALL ist ein episch breiter Film, für die große Leinwand noch mehr geschaffen als andere Bondfilme. Dementsprechend gibt es hier immer wieder interessante Details zu entdecken. Auch die Technik-Verliebtheit verbunden mit einer gewissen Ernsthaftigkeit sagt mir eigentlich sehr zu. Und nicht zuletzt mag ich hier die von Anfang an geklärten Fronten, mit den genüsslich zelebrierten Grabenkämpfen. THUNDERBALL ist der ultimative Spectre-Film. Nie zuvor und danach wurde eine schurkische Organisation besser genutzt.

Der übliche Gegenspieler ist jedes mal ein allgemeines Gefühl der Unstimmigkeit, was sowohl Timing, Effekte, Humor, Dramaturgie und andere Dinge betrifft.


Bewertungen:

Einführungssequenz / Vortitelsequenz: 10/15
Titelmusik: 11/15
Titelanimation: 10/15
Symbiose aus Musik und Animation: 10/15

An sich sehr klassisch und ikonisch. Maurice Binders Titel mit Silhouetten vor farbigen Hintergründen, die es zum Teil schon in DR. NO gab, gehört ab diesem Film zur typischen Ikonographie der Reihe. Ich mag auch Tom Jones sehr, aber sein Thunderball kann nicht so ganz verbergen, dass es die maskuline Version von Goldfinger ist. Und damit ein Rückschritt, denn Basseys kraftvolle Stimme war ein wunderbarer Gegenpol in der Titelanimation. Eine weibliche Stimme, die vor Kraft und Autorität strotzt, zur Projektion auf einen leblosen Frauenkörper. In Thunderball zelebriert dagegen eine Männerstimme eine Männerwelt zu Bildern von Tauchern, die mit Harpunen auf Wassernixen feuern. Es ist handwerklich durchaus stilprägend und beeindruckend, aber es fehlen mir hier ein bisschen die Reibungspunkte und die leise Ironie.

Einführungsszene von Bond: 11/15
Einführungsszene des Haupt-Bondgirls: 14/15
Einführungsszene des Gegenspielers: 13/15
Einführungsszene des Haupt-Henchman: 11/15

Der Schwenk von den Initialen J.B. auf Bond ist gut. Die Einführung von Domino unter Wasser mag ich sehr, ebenfalls Largos erste Szene mit dem Polizisten. Eine geschickte Art, seinen Namen und seine Autorität zu etablieren. Auch die Art, wie er stoisch und haarscharf vor einem heranfahrenden Auto über die Straße geht, finde ich gelungen. Fionas erster Auftritt, bei dem man ihr Gesicht zunächst verkehrt herum sieht, ist gut gemacht.

Darstellung von James Bond: 11/15
Sean Connery wirkt souverän, aber es fehlt mir hier etwas die Raffinesse, die die beiden Vorgänger so groß macht.
Gibt es Szenen, in denen Bond weniger sympathisch erscheint?
Das ist für mich hier der Endkampf unter Wasser. Hier hat man teilweise den Eindruck, dass Töten tatsächlich eine Art sportliche Betätigung für Bond ist.
Darstellung des Gegenspielers: 12/15
Adolfo Celis Largo fand ich früher immer etwas eindimensional. Seit ich den Schauspieler in einigen anderen Filmen gesehen habe, darunter auch viele Komödien, mag ich ihn sehr und schätze auch seine Darstellung hier mehr. Er strahlt eine glaubwürdige Bedrohlichkeit und Zielstrebigkeit aus. Ich muss auch sagen, dass er im englischen Original auf mich wesentlich besser wirkt als in der Synchronisation.
Henchman: 12/15
Fiona Volpe ist das erste Killergirl, und für viele auch die Beste. Ich finde ihre Darstellung auch sehr gelungen. Die Bewertung bezieht sich aber auch nur auf sie, denn Vargas ist für mich dagegen eine reine Behauptung. Er wirkt eher wie der typische Streber in der Schule, der sofort zum Direktor geht, um zu berichten.
Bondgirl: 14/15
Claudine Auger ist eines der attraktivsten Bondgirls überhaupt. Auch ihr Schauspiel zwischen Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit wirkt souverän.
Helfer: 12/15
Nach der eher merkwürdigen Besetzung in GOLDFINGER gibt es hier wieder einen sehr überzeugenden Felix, der Ian Flemings Vorlage optisch von allen Darstellern sogar am ehesten entspricht. Nur fand ich die Chemie zwischen Jack Lord und Connery noch eine Spur besser.

Briefing-Szene: 15/15
Die Szene mit allen Doppelnull-Agenten ist eins der Highlights des Filmes. So etwas gab es leider in dieser Größe nie wieder.
Moneypenny-Szene: 12/15
Q-Szene: 6/15
Eine der Q-Szenen, die mir weniger gefallen. War das Geplänkel zwischen Bond und Q im Vorgänger noch charmant und spielerisch, hat man hier den Eindruck, dass sie sich gegenseitig tatsächlich einfach nur hassen. Das ist nicht amüsant, sondern wirkt eher unangenehm. Young konnte mit Hamiltons Interpretation offenbar nicht so viel anfangen. Immerhin sieht man hier Qs ersten Außeneinsatz.

Dramaturgische Struktur

Ist das auslösende Ereignis stark und interessant genug? 14/15
Bei dem Punkt kann man nicht meckern. Hier wird realtiv früh eine glaubhafte und globale Bedrohung etabliert, zuerst in Form des SPECTRE-Plans.
Hält der Film durchgehend eine gewisse Grundspannung aufrecht? 8/15
Durch das Sanatoriums-Geplänkel und einige zu ausführlich gezeigte Szenen geht für mich oft der Spannungsbogen nach unten.
Finale allgemein: 9/15
Der Unterwasserkampf ist vom Filmhandwerk und Aufwand her grandios, wirkt auf mich aber auch ein bisschen wie ein Karneval des Todes. Harpunen in Rücken, Arme und Beine, Haie besorgen den Rest. Auch der Extrem-Zeitraffer auf dem Boot geht für mich leider gar nicht. Dadurch wirkt auch die an sich sehr schöne Szene, als Domino Largo tötet, wie eine offensichtliche Studio-Aufnahme.
Gibt es eine Steigerung des Sensationswertes bis hin zum Finale, das alles andere überschattet? 12/15

Endkampf Bond - Henchman: 12/15
Hier die Tanzszene mit Bond und Fiona. Sehr schön aufgebaut und mit einer Überraschung und einem Lacher aufgelöst.
Endkampf Bond - Schurke: 10/15
Der Kampf als solcher ist gut, aber diese mehr als offensichtliche Rückpro...
Wirkt die Auflösung nach dem Finale befriedigend? 8/15
Die Schluss-Szene hat für mich nie so richtig funktioniert. Bond und Domino hängen jetzt halbnackt und mit nassen Sachen an einem Flugzeug. Okay... Wie lange macht so was Spaß?
Ist Bonds ermittlerische Vorgehensweise glaubwürdig und zielführend? 13/15
Das wirkt hier insgesamt glaubwürdig und gut. Bond ermittelt Lippes Tätowierung und kommt auf die Spur von Major Derval. Wobei es natürlich schon ein sehr hilfreicher Zufall ist, dass er sich im entsprechenden Sanatorium aufhält. Auch das Aufspüren des versenkten Flugzeugs ist gut. Man muss aber auch sagen, dass Largo nicht gerade besondere Anstrengungen unternimmt, um Bonds Verdacht zu entkräften.

Allgemein

Bond-Feeling: 12/15
Fleming-Feeling: 12/15
Dank Terence Young und dem Casting wieder sehr präsent. Vom etwas in die Jahre gekommenen und gesundheitlich angeschlagenen Bond aus dem Roman ist natürlich nichts mehr vorhanden. Eher im Gegenteil. Bonds Aufenthalt im Sanatorium wirkt daher auch nicht mehr so ganz gerechtfertigt.
Dialoge/Humor: 11/15
Spannung: 8/15
Logik/Schlüssigkeit der Story: 14/15
Von allen überlebensgroßen Bondfilmen hat THUNDERBALL einen der glaubwürdigsten und geerdeten Plots. Im Lauf des Kalten Krieges sind tatsächlich einige A-Waffen verlustig gegangen.

Produktions-Design: 14/15
Spezialeffekte: 11/15
Action/Stunts: 13/15
Bildgestaltung: 13/15

Locations

Drehorte: 15/15
Lokalkolorit: 15/15
Kombination: 14/15

Hier punktet THUNDERBALL auf ganzer Linie. Die vor Ort gefilmten Unterwasserszenen sind wirklich grandios, auch die Szenen auf den Bahamas, inklusive des Junkanoos, Palmyra oder der Casino-Szenen mit echten Millionären als Statisten. Auch Paris und Shrublands sind solide.


Musik

Titelsong: 11/15

Allgemein: 10/15

Eine der John-Barry-Arbeiten, mit denen ich etwas weniger anfangen kann. Das Verschwörungsthema ist für meine Ohren etwas zu repetitiv und trägt teilweise auch dazu bei, dass die Unterwasserszenen manchmal etwas zu lang wirken. Ein Highlight ist das 007-Thema während der Unterwasserschlacht.
Die Lyrics sowohl des offiziellen Titelsongs als auch des verworfenen Mr. Kiss Kiss Bang Bang spiegeln ein bisschen die mangelnden Hintergründigkeiten und Ironien der Story wieder, und beschwören einfach nur, was für ein toller Hecht Bond ist.


Fazit - Gewonnen oder verloren?

Gefühlt  und auch rechnerisch gewonnen. Rein objektiv betrachtet ist THUNDERBALL ein Musterbeispiel von einem Bondfilm mit wunderschönen Szenen und einem bis heute beeindruckenden Aufwand. Trotzdem fehlt mir subjektiv oft eine gewisse Raffinesse und (Selbst-)Ironie. Bei den oft kritisierten Unterwasserszenen stelle ich auch die eine oder andere Länge fest. Beispielsweise das Tarnen des untergegangenen Flugzeugs. Bei vielen Szenen hat man den Eindruck, dass man sie nur deshalb nicht geschnitten hat, weil sie so teuer und aufwändig waren.

Dazu kommen einige Szenen, die für mich eher weniger funktionieren, wie etwa das Attentat auf der Streckbank oder der Raubtier-Dialog.

Trotzdem habe ich aber auch viele Aspekte bei dieser Sichtung sehr genossen. Viele Aufnahmen sind schwelgerisch und bewundernswert aufwändig. Fast schon dokumentarisch mit einem gewissen Jaques-Cousteau-Feeling, der an einigen Szenen tatsächlich mitgewirkt hat. Grundsätzlich glaube ich, dass mir bei THUNDERBALL ein bisschen der nostalgisch-verklärende Blick fehlt. Hätte ich ihn mit 12 im Kino gesehen, wäre er vielleicht in meinen Top 5.


Gefühlt: 11/15
Errechnet: 11,63/15

Also knapp 80 % und eine 2+: Die Leistungen entsprechen den Anforderungen voll.


James Bond will return in


YOU ONLY LIVE TWICE

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen