Freitag, 17. Mai 2019

Insel der dunklen Träume

                                                    "Lurking in some darkened doorway,
                                             Or crouched on a rooftop somewhere."
                                                                                                                                         (The Man with the Golden Gun, Lulu)
 


Bond-Marathon #9: THE MAN WITH THE GOLDEN GUN (1974)


Nach dem erfolgreichen Debüt von Roger Moore drängte die Produktionsfirma auf einen möglichst schnell gedrehten Nachfolgefilm. Man entschied sich für Ian Flemings letzten Roman The Man with the Golden Gun und ließ sich für die Dreharbeiten nur ein gutes Jahr Zeit.

Während das in den Sechzigern sehr gut funktionierte, macht sich hier der Zeitmangel häufig eher nachteilig bemerkbar. Aus Flemings schwächsten Roman wurde ein Film, der im Vergleich zu anderen Bondfilmen in vielen Aspekten eine Nummer kleiner wirkt.









THE MAN WITH THE GOLDEN GUN kulinarisch

Gleich am Anfang sieht man Scaramanga am Strand Austern mit Tabasco genießen, dazu einen Black Velvet - ein Cocktail aus Guinness Stout und Champagner. Die gewagte Mischung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts anlässlich des Todes von Prinz Albert kreiert und sollte an schwarze Trauer-Samtbänder erinnern. Für einen Profikiller insofern eine recht ironische Wahl.

Beim Abendessen mit Goodnight später wird Bond ein thailändischer Wein namens Phuyuck angeboten. Vermutlich war das eine fiktive Marke, und entsprechende Flaschen tauchen gelegentlich als Requisiten in Ausstellungen auf. Beim Dinner mit Scaramanga gibt es Pilze und einen Dom Perignon '64.

Im Roman ließ Ian Fleming Bond noch einmal auf seiner Lieblings-Insel Jamaika agieren und ihn seinen eigenen Lieblingsdrink genießen: Einen Pink Gin. Dazu gibt man einfach ein paar Spritzer Angostura Bitter in ein Glas gekühlten Beefeater Gin.




Im Vorfeld: Auf welche Elemente freue ich mich? Auf welche nicht? 

THE MAN WITH THE GOLDEN GUN macht auf jeden Fall Spaß, hat Charme und einige erstklassige Schauwerte. Darunter vor allem die Insel des Gegenspielers und selbiger an sich, Sir Christopher Lee.

Trotzdem liegt für mich über dem ganzen Film aber auch so eine Art Schleier der Zweitklassigkeit, und er fühlt sich ein bisschen wie ein B-Bond an. Trashig ist ein zu hartes Wort, trifft es aber an manchen Stellen doch etwas. Dieses 'B-movie-Feeling' führte aber bisher auch dazu, der GUN häufiger im Player landete als bestimmte Top-Beiträge.
 


Bewertungen:

Einführungssequenz / Vortitelsequenz7/15

Nach LIVE AND LET DIE wieder eine Sequenz ohne Bond. Oder genauer gesagt, ähnlich wie FROM RUSSIA WITH LOVE eine, in der Bond gewissermaßen nur als Abbild vorkommt. Technisch gesehen enthält sie Roger Moore als James Bond, der hier vor allem stillstehen muss. (Was ihm bis auf ein sichtbares Balancieren auch gut gelingt.) Ähnlich wie beim Vorgänger funktioniert die Sequenz vor allem als ein Foreshadowing der Dinge, die da kommen. Geht okay, ist aber auch nicht unter den Besten.
Titelmusik5/15
Einer der weniger überzeugenden Songs. Er versucht, etwas schneller und rockiger zu sein wie Live and Let Die, erreicht aber nicht ansatzweise dessen Rafinesse. Auch die Lyrics sind eher schlicht. John Barry war selbst nicht zufrieden damit.
Titelanimation9/15
Solide, wirkt aber nicht so innovativ wie die bisherigen Titel.
Symbiose aus Musik und Animation8/15


Allow me to intruduce myself...

Einführungsszene von Bond: 8/15
Praktisch das Betreten von Ms Büro unmittelbar nach dem Titel, theoretisch bereits das Erscheinen von Bonds Wachsfigur im Kuriositätenkabinett von Scaramanga. Die Nachbildung von Bond wirkt hier ähnlich fetischistisch wie die Puppe auf dem Plakat von LIVE AND LET DIE. In diesem Punkt folgt GUN thematisch dem Vorgänger. Das eigentlich völlig irrationale Wegschießen der Finger an der Puppe - die selbst für Scaramangas Verhältnisse sicherlich nicht einfach zu bekommen war - erscheint dementsprechend als symbolische Zwangshandlung und - durchaus in der Franchise-Tradition - als Kastrations-Androhung.
In diesem Sinne ist die unterschwellige Einführung mit der bereits von Moore verkörperten Puppe recht clever und visualisiert die Bedrohung für Bond, die in der folgenden Exposition konkretisiert wird.
Einführungsszene des Haupt-Bondgirls5/15
Goodnight fährt mit dem Auto vor und steigt aus. Wirkt eher profan.
Einführungsszene des Gegenspielers9/15
Scaramangas erster Auftritt auf seiner Insel zusammen mit seiner Geliebten und seinem Diener ist schon recht beeindruckend, zusammen mit der folgenden Demonstration seiner Kunst.
Einführungsszene des Haupt-Henchman7/15


Darstellung von James Bond8/15

Von allen Bondfilmen mit Roger Moore funktioniert seine Darstellung hier für mich am wenigsten. Die etwas härtere Gangart erinnert mich ehrlich gesagt manchmal an Pierce Brosnans Darstellung in THE WORLD IS NOT ENOUGH, wo Bond auch oft zu zynisch und bemüht wirkt, um wirklich cool zu sein. Die ernstere, fleming-nahe Darstellung gelang Roger in FOR YOUR EYES ONLY wesentlich überzeugender. 
Roger Moore wirkt hier manchmal auch ein bisschen... wächsern, was im Zusammenhang mit seiner Darstellung als Figur zu Beginn vielleicht sarkastisch wirkt, aber tatsächlich so gemeint ist. Ich kann allerdings auch nicht genau sagen, welches Departement durch Zeitmangel daran schuld ist. Es ist einer dieser letztlich schwer definierbaren Faktoren, die dem ganzen Film den Hauch des Zweitklassigen verleihen.

Gibt es Szenen, in denen Bond weniger sympathisch erscheint? Da ist natürlich die berühmt-berüchtigte Andrea-Szene, in der Bond der Dame den Arm verdreht. Aber es ist nicht nur diese physische Gewalt, die seltsam wirkt, sondern Bonds gesamtes Verhalten den Frauen 
gegenüber. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ist Mary Goodnight die einzige Leading Lady der Serie, die Bond selbst in intimsten Momenten nur mit Nachnamen anredet. Woraus sogar in der Schluss-Szene Humor generiert wird.
Vielleicht wurde die entscheidende Schlacht um die Zukunftsfähigkeit der Figur James Bond auf dem Feld des Geschlechter-Umgangs ausgetragen, denn gerade hier liegen Welten zwischen THE MAN WITH THE GOLDEN GUN und dem Nachfolger THE SPY WHO LOVED ME.

Darstellung des Gegenspielers: 13/15

Christopher Lees Francisco Scaramanga ist so relaxed, dass er oft coolere Oneliner abliefert als Bond. Gleichzeitig kippt diese spielend wirkende Coolness in denkwürdigen Momenten aber auch komplett um in eine unberechenbare Bedrohlichkeit, die Bonds Härte dann doch wieder rechtfertigt. Sir Christopher schafft das mit einer sehr zurückhaltenden Änderung seines Gesichtsausdrucks. 
Leider gibt ihm das Drehbuch aber auch nicht die Möglichkeit, seinen Antagonismus voll auszuspielen. Sobald der Zuschauer weiß, dass die Morddrohung eigentlich von Andrea kam, ist hier die Luft ein bisschen raus. 

Henchmen: 11/15

Nick Nack wirkt auf den ersten Blick wie die Taschenversion von Oddjob, Aber gerade durch die körperlichen Defizite als Henchman wirkt die Figur sehr interessant und innerhalb der Serie einmalig und abwechslungsreich.

Bondgirl: 9/15
Ähnlich wie Tiffany Case letztlich eher enttäuschend. Britt Ekland war selbst nicht gerade begeistert über ihre Rolle. Ich glaube, dass das Klischee vom Bondgirl als Bikini-Dummchen und Anhängsel eher auf die Hamilton-Filme der 70er zurückgeht als auf die Filme der 60er.
Nichtsdestotrotz zeigt Brit Ekland auch ein komisches Talent. Ihre Reaktion auf Kra und ihr Entsorgen des aufdringlichen Technikers lässt mich jedesmal schmunzeln.

Helfer: 9/15
Der im letzten Jahr leider verstorbene Soon-Tek Oh ist als Inspektor Hip sympathisch, auch wenn das Alleinlassen von Bond mit der Karate-Armee arg seltsam wirkt. Das erneute Auftauchen von Sheriff Pepper wäre nicht nötig gewesen, stört mich aber nicht.


Briefing-Szene: 9/15
Klassisch, aber auch nicht wirklich innovativ.

Moneypenny-Szene: 11/15
Solide.

Q-Szene: 8/11.
Ebenfalls solide.


Dramaturgische Struktur

Ist das auslösende Ereignis stark und interessant genug? 8/15

Die James-Bond-Insel in Thailand (wikipedia)
Das auslösende Ereignis ist hier letztendlich ein cleverer Fake. Es liefert Spannung in der ersten Hälfte, dann eine interessante Wendung, verpufft dann aber leider auch etwas. Und es wird auch nur im Dialog erklärt, und nicht visualisiert.

Hält der Film durchgehend eine gewisse Grundspannung aufrecht? 9/15
Siehe oben. Der Film ist nie langweilig, aber es fehlt eben auch etwas die eine große zu klärende Frage. Die Energiekrise ist als Bedrohungsszenario auch etwas dünn.

Finale allgemein: 10/15

Gibt es eine Steigerung des Sensationswertes bis hin zum Finale, das alles andere überschattet? 12/15
Durch Scaramangas Insel kann man das mit einem Ja beantworten.


Endkampf Bond - Henchman: 9/15

Einigermaßen amüsant.

Endkampf Bond - Schurke: 10/15
Durch die Vorarbeit in der Pre-Title-Sequence ganz gut ausgearbeitet und spannend.

Wirkt die Auflösung nach dem Finale befriedigend? 10/15
Klassisch. Bond mit Girl im Arm auf der Flucht vor dem explodierenden Schurkenversteck. Das Auftauchen des Handlangers ist inzwischen Guy-Hamilton-Folklore.

Ist Bonds ermittlerische Vorgehensweise glaubwürdig und zielführend? 13/15
In diesem Aspekt wirkt der Film überzeugend. Bond recherchiert nach und nach den Aufenthaltsort von Scaramanga, teils mit Härte gegenüber Mitarbeitern und Helfern. Auch das Sichern des Solex im Stadion ist sehr professionell. Bonds Mission auf eigene Faust zur Insel ist letztlich ebenso heldenhaft wie das Eingehen auf das Duell zugunsten der Sicherung des Solex. Bond ist hier im Prinzip einer der ersten Klimarettungs-Helden.



Allgemein


Bond-Feeling: 11/15
Fleming-Feeling: 9/15
Obwohl der Film durch Asien einen komplett anderes Feeling erzeugt als der Roman, hat er durchaus seine fleming-haften Momente.
Dialoge/Humor: 12/15
Spannung: 9/15
Logik/Schlüssigkeit der Story: 12/15



Produktions-Design: 12/15

Das ist der vielleicht am schwierigsten zu beurteilende Aspekt an diesem Film. Die Art und Weise, wie die Zugänge zu Scaramangas Wohnung in die Felsen der Insel eingebaut wurden, ist einfach grandios. Ebenso der Raum, in dem Bond, Scaramanga und Goodnight dinnieren.
Überhaupt muss sich das Design der Insel-Innenräume nicht hinter den Entwürfen von Ken Adam verstecken. Peter Murton, der auch an GOLDFINGER und THUNDERBALL mitwirkte, erschuf auch kleine Hommagen an Adam, wie das dreieckige Design des Q-Labors oder das Karussell-Holzpferd in Scaramangas Wohnung. Wunderbar auch das Design des MI6-Stützpunktes auf dem halb gesunkenen Schiff, das an deutschen Expressionismus à la Caligari erinnert.

Dem gegenüber steht aber auch die erste Hälfte des Films mit Kulissen wie dem Nachtclub, Saidas Garderobe oder Lazars Werkstatt, die auf mich teilweise etwas beengt und TV-mäßig wirken. Überhaupt ist "Beirut" im Film eine reine Behauptung und erscheint wie eine Vorausschau auf die Barbara-Broccoli-Ära. Auch Scaramangas Fun-House ist auf den zweiten Blick recht kramig, als ob man hier den Fundus der Pinewood-Studios geplündert hat. Aber das klingt sicher negativer, als es gemeint ist. Man muss Peter Murton auch die enorm verkürzte Produktionszeit anrechnen.

Spezialeffekte: 12/15
Beeindruckend sind auch hier die eher unsichtbaren Effekte, wie die wunderbare Modellarbeit mit der Insel.

Action/Stunts: 12/15
Ebenfalls sehr schwierig zu beurteilen. Auf der einen Seite ist hier natürlich der grandiose Schraubensprung zu würdigen, einer der faszinierendsten Stunts der Filmgeschichte. Aber davon abgesehen sieht es - verglichen mit anderen Bondfilmen - weniger aufregend aus.

Bildgestaltung: 12/15



Locations

Drehorte: 14/15

Bei diesem Aspekt kann GUN enorm punkten. Auch wenn - wie bereits erwähnt - die erste Hälfte des Films eher in Innenräumen und Nachtaufnahmen stattfindet, wirkt die südostasiatische Inselwelt dann umso beeindruckender und befreiender. GUN ist neben YOU ONLY LIVE TWICE der ikonische Asien-Bond. Man hat hier komplett neue, enorm faszinierende Locations erschlossen, was den Film letztlich doch wieder auf A-Level erscheinen lässt. Kaum auszudenken, wie der Film in der heutigen Zeit wirken würde, wo man bei Locations gern spart und trickst.

Lokalkolorit: 14/15


Kombination: 14/15





Musik

Titelsong: 5/15

Wie bereits erwähnt einer der Songs, die eher die Basis der Liste besiedeln.

Allgemein: 8/15

Der Score hat schöne und atmosphärische Momente, zählt aber insgesamt nicht zu Barrys Meisterwerken. Er selbst war nicht so zufrieden damit. Die Untermalung des Korkenzieher-Stunts ist dann auch einer der wenigen krassen Missgriffe des Meisters.


Fazit - Gewonnen oder verloren?


Gefühlt ist GUN eine Drei. Rechnerisch ergibt sich eine Zwei minus. Insofern hat er gewonnen. Der Film hat ohne Zweifel wunderbare Attraktionen, die zu den besten der gesamten Reihe gehören. Gerade in puncto Drehorte stellt er so manchen moderneren Film locker in den Schatten. Nicht umsonst ist man in TOMORROW NEVER DIES noch einmal in die thailändische Inselwelt zurückgekehrt.

Insgesamt ein Bondfilm, der nicht in der Oberliga mitspielt, aber auch immer wieder Spaß macht.


Gefühlt: 9/15
Errechnet: 10,08/15

Also mehr als 70  % und eine 2-: Die Leistungen entsprechen den Anforderungen im Allgemeinen bis voll.



James Bond will return in



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