Mittwoch, 17. Juli 2019

Girls und Göttinnen

Beim chronologischen Anschauen der James-Bond-Filme fällt auf, wie wenig die weiblichen Hauptrollen der Bondfilme der Sechziger Jahre dem gängigen Klischee von schutzbedürftigen Bikini-Miezen entsprechen, die viel an Körbchengröße bei einem Minimum an Köpfchen zu bieten haben. Auffallend sind dabei die jeweiligen Einführungsszenen der Darstellerinnen, die bei meinem Bond-Marathon eine eigene Bewertungskategorie bilden.

Die Auftritte der Leading Ladies sind in den Sechzigern Ereignisse, nach denen der Film nicht mehr derselbe ist. Und das selbst in einer völlig durchgeknallten Parodie wie CASINO ROYALE (1967), die Jahrzehnte vor SKYFALL eine an Attraktivität allen anderen Bondgirls mindestens ebenbürtige Moneypenny in Action zeigt. Ernüchternd sind im Vergleich vor allem die frühen Siebziger, aber auch später in der Serie wurde diese filmische Qualität selten wieder erreicht.





DOCTOR NO: Schon im ersten Bondfilm überschattet der Auftritt von Honey Rider (Ursula Andress) beinahe den von James Bond selbst. Bereits Ian Fleming hatte das Bild von Honey, die dem Meer entsteigt, mit Botticellis "Geburt der Venus" verglichen. Im populärkulturellen Bereich ist die Szene zu einem ähnlich bekannten und ikonischen Bild geworden. Ohne sie würde dem Film einiges fehlen.

Honey Rider selbst ist natürlich - wie viele andere Bondgirls - ein Stück weit Männerphantasie. Trotzdem hat die Figur Männer und Frauen gleichermaßen beeindruckt und inspiriert. Letztlich ist sie für die frühen Sechziger auch erstaunlich eigenständig und wehrhaft. Immerhin bestreitet sie selbst ihren Lebensunterhalt, kommt in einer rauen Umwelt zurecht und hat sogar einen Mann beseitigt, der gewalttätig wurde.


FROM RUSSIA WITH LOVE: Die ersten Szenen von Tatiana Romanova (Daniela Bianchi) sind recht alltäglich und zeigen sie mit Arbeitskolleginnen. Herausstechend ist dagegen ihre erste Begegnung mit James Bond, bei der sie bereits weit über diese Alltäglichkeit hinausgewachsen ist. Diese Szene ist seither Teil des Screen-Tests für neue Darsteller, da sie sehr viel Subtext und erotische Spannung hat. Tatiana ist hier nicht in einer unterlegenen Position, sondern hat Bond eigentlich in der Hand. Entspricht er nicht ihren erotischen Vorstellungen, kann sie die Aussicht auf die Dechiffriermaschine platzen lassen. Zumindest stellt es sich für Bond so dar. Das macht Bond ebenso zu einer Spielfigur höherer Mächte wie sie, was auch durch das Ende der Sequenz deutlich wird, als beide gefilmt werden.

Auch hier ist das Zusammentreffen mit dem weiblichen Hauptcharakter ein entscheidender, ausgeklügelt erdachter und gefilmter Moment, der ihr genauso viel Aufmerksamkeit und Detailliebe schenkt wie ihm.


GOLDFINGER:Ähnlich wie in DR. NO und YOU ONLY LIVE TWICE gibt es hier mehrere Handlungsabschnitts-Partnerinnen, so dass die eigentliche Hauptdarstellerin erst relativ spät auftaucht. Und wie in DR. NO folgt die Begegnung direkt auf ein Erwachen, so dass die Szene etwas traumartig Surreales erhält. Bond kommentiert es dann auch mit "I must be dreaming". Trotz des schlüpfrig-gewagten Namens ist Pussy ebenfalls ein sehr eigenständiger und wehrhafter Charakter, eine Art Pippi Langstrumpf für Erwachsene.

Auch die Auftritte der anderen Damen sind hier liebevoll gestaltet und ikonisch: Das Treffen auf Jill im Hotelzimmer und die Einstellung mit Tilly als Schützin sowie der spätere Reifenschlitzer.


THUNDERBALL: Bonds Treffen auf Domino Derval (Claudine Auger) ist nicht ganz so ikonisch und mythisch verklärt, aber ebenfalls sehr schön gefilmt und aufgebaut. Domino ist unter Wasser zu sehen, als sie sich an einer Riesenschildkröte festhält. Eine Frau, die allein in karibischen Gewässern taucht, war Mitte der 1960er sicher auch nicht selbstverständlich.

Ähnlich wie Pussy Galore die Luft als ihr Element beherrscht, ist Domino wie selbstverständlich im Wasser unterwegs. Domino erscheint hier ebenfalls als Abenteurerin, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie Honey oder Pussy. Letztlich schafft sie es aber wie Tatiana, sich aus ihrem Abhängigkeitsverhältnis zu lösen, indem sie ihren Peiniger erschießt und Bond dadurch das Leben rettet.

Gelungen ist in dem Film auch Bonds Begegnung mit Fiona Volpe, einer ebenfalls sehr eigenständigen Frau, die Bond sehr gefährlich wird.


YOU ONLY LIVE TWICE: Fast traumhaft überhöht und rituell zelebriert wird das Zusammentreffen von Bond und weiblicher Hauptrolle, der von Mie Hama verkörperten Kissy Suzuki, auch in diesem Film. Zu einer elegisch schönen Musik von John Barry, die manchmal fast zu ernst und melancholisch für den verspielt-ironischen Charakter des Films ist, sieht man eine traditionelle japanische Hochzeitszeremonie. Auch hier nimmt man sich Zeit und gibt sich Mühe bei der Einführung des Bondgirls. Ist die Hochzeit hier noch eine falsche, wirkt das Ganze doch schon etwas wie eine Generalprobe und Vorausschau auf den folgenden Film.


ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE: In diesem Film widmet sich die gesamte Vortitelsequenz der Begegnung zwischen Bond und Tracy. Ähnlich wie im ersten Bondfilm DR. NO am Strand. Während dort aber eine morgendliche Stimmung herrschte und Honeys Charakter eine lebensfrohe Naivität und Vitalität versprühte, ist hier eher Abenddämmerung, die zum verzweifelten und zynisch-abgeklärten Zustand von Tracy passt. Auch im letzten Bondfilme der 1960er ist der Auftritt der Leading Lady eine sehr schöne, einprägsame Szene, bei der man sich Mühe gegeben hat.


Mit dem eher sarkastischen Blick auf den Charakter James Bond in den 1970er Jahren verändert sich auch die Rolle des Bondgirls drastisch. Man hat nicht mehr den Eindruck, dass die Damen für Bond oder den Zuschauer etwas wirklich Besonderes sein sollen. Bonds Besuch bei Tiffany Case in DIAMONDS ARE FOREVER ist eher eine beiläufige Alltagsszene, kein echter Höhepunkt eines exotisch-surrealen Abenteuers mehr. Da hat selbst die Look-of-Love-Szene in CASINO ROYALE (1967) mehr Magie. In THE MAN WITH THE GOLDEN GUN ist Mary Goodnights Auftauchen sogar eher ein nerviger Störfaktor während Bonds Einsatz.

Die Einführung von Solitaire in LIVE AND LET DIE hat noch einen Hauch mythischer Überhöhung, der sich vor allem aus ihrem im Roman beschriebenen Charakter ergibt, aber der auch sofort ironisch reflektiert wird.

Die denkwürdigen Momente der 60er, in denen feminine und filmische Ästhetik kulminieren,  gibt es in der spätere Reihe eher selten. Rein von der Dramaturgie her könnte man hier am ehesten noch Anya in THE SPY WHO LOVED ME anerkennen, Melina Havelock als moderne Elektra in FOR YOUR EYES ONLY oder auch OCTOPUSSY.

Ein gelungener Moment ist auch der erste Auftritt von Kara als vermeintliche Scharfschützin in THE LIVING DAYLIGHTS, auch wenn sie sich im späteren Film von dem entfernt, was Fleming wohl im Sinn hatte. Allgemein fällt auf, dass die weiblichen Rollen austauschbarer und gewöhnlicher wurden, als man sich von Fleming entfernte, und wieder stärker und einprägsamer, als man sich wie in den 80ern wieder dem Originalmaterial zuwandte.

Bei den neueren Filmen fallen in diesem Aspekt eher die Erstauftritte der jeweiligen zweiten weiblichen Hauptrollen auf: Die Verfolgungsjagd mit Xenia Onatopp in GOLDENEYE, die Begegnung zwischen dem aus dem Meer kommenden Bond und der zu Pferd reitenden Solange in CASINO ROYALE oder auch der intensive Blick durch offene nächtliche Hochhausfassaden zwischen Bond und Sévérine in SKYFALL.

Trotz stetig fortschreitender Sensibilisierung gegenüber dem Thema gibt es verglichen mit den Honeys, Pussys und Tracys der 60er in der Filmreihe später vergleichsweise wenige Frauen, die als selbstständige, schlagfertige Abenteurerinnen erscheinen und sich trotzdem feminine und geheimnisvolle Attribute bewahrt haben.

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